Aus’n Leb’n – Interview mit Abt Gerhard Hafner

Erzählen Sie uns von Ihrem beruflichen Werdegang.

Ich bin am 19.10.1964 in Trieben geboren, dort aufgewachsen und in die Volksschule gegangen, dann habe ich das Gymnasium in Stainach besucht und 1983 in Stainach maturiert. Genau in dieser Jugendzeit ist es für mich sehr greifbar geworden, den geistlichen Beruf wahrzunehmen. Vor allem nach der Zeit der Firmung. Wir hatten einen sehr aktiven und bekannten Pfarrer, das war Dechant Eduard Toblier, der mit dem damaligen Bürgermeister von Trieben, Herrn Grassegger, einen sehr guten Kontakt pflegte. Dadurch wurde Ihnen gerne der Name Don Camillo und Peppone gegeben. Er, in seiner Art Pfarrer zu sein, hat mich sehr mitgeformt und mitgeprägt. Aus dem Glauben leben und für die Menschen da sein, so würde ich vielleicht eine Kurzzusammenfassung seines Wirkens versuchen. Und damals entstand auch der Wunsch, selbst einmal Priester zu werden. Ich kann mich noch gut erinnern: Als ich die Matura ablegte und ich danach zu Hause angerufen habe, habe ich nicht gesagt: „Ich hab’s geschafft!“, sondern, „der Weg ins Priesterseminar ist frei!“ Und so habe ich es auch in die Tat umgesetzt. Ich bin aber nicht gleich ins Stift Admont gegangen. Das hätte ich mir damals mit meinen 18, 19 Jahren nicht ganz vorstellen können, gleich ins Kloster zu gehen, sondern ich wollte im Priesterseminar mein Priesterwerden zur Vollendung bringen. So kam es, dass ich 1983 ins Priesterseminar in Graz eingetreten bin. Damals gab es noch sehr viele Priesteramtskandidaten im Seminar, das Haus war also ziemlich gefüllt mit an die 100 jungen Menschen, die alle dasselbe Lebensziel vor Augen hatten wie ich. Dieses Zusammenleben war eine sehr prägende und wichtige Zeit für mich. Ich bin dann nach dem Theologiestudium zum Pastoralpraktikum gekommen. Es ist ja üblich, dass man nach dem Studium das Gelernte auch ein wenig in die Tat umsetzen soll bzw. muss. Ich kam nach Pöls ob Judenburg zu Praktikumspfarrer Monsignore Josef Fötsch, der auch ein sehr menschennaher Priester ist. Auch er hat mich stark mitgeformt und geprägt in dieser, wie man so sagt, Arbeiterpfarre in Pöls. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass mir das Zugehen auf die Menschen ein großes Anliegen ist und Gott sei Dank auch sehr leicht fällt. Darum war es mir in meinem Priestersein immer schon ein großes Anliegen, vorrangig Hausbesuche zu machen und zu schauen, dass ich mit den Lebensschicksalen sehr nahe zusammen komme.

Nach dem Ende des Praktikums wurde ich dann zuerst zum Diakon geweiht, das war noch 1989, im Dezember, dann zum Priester am 1. Juli 1990 in Graz durch Bischof Johann Weber. Meine erste Kaplansstelle durfte ich zu meiner großen Freude im Oberland in Schladming antreten, vier Jahre Kaplanszeit in den Pfarren Schladming, Pichl und Ramsau. Ich bin also wirklich von Geburt an, sehr stark mit dem Bezirk Liezen verbunden gewesen und auch geblieben. In der Sprache der Priester sagt man, dass die erste Kaplansstelle die erste große Liebe im Leben eines Priesters ist. Ich kann das nur bestätigen und es besteht für mich auch noch heute eine sehr starke Beziehung vom Herzen her zu den Menschen in und um Schladming.

1994 habe ich mich dann dazu entschlossen, ins Kloster nach Admont zu gehen, weil ich wusste, dass man in Admont mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Pfarrer wird, weil sehr viele Pfarren zum Stift Admont dazugehören. Und es ging mir um die klösterliche und geistige Gemeinschaft im Kloster.

Wenn man ins Kloster eintritt, ist man ein Jahr im Noviziat, um die Regel des heiligen Benedikts kennenzulernen und natürlich auch die Gemeinschaft, in die man kommt. 1995 bin ich dann Pfarrer von Hall bei Admont geworden, 1996 ist der jetzige Abt Bruno Hubel zum Abt gewählt worden. Dadurch wurde seine Pfarrstelle in Admont frei und ich wurde gefragt, ob ich bereit wäre, auch die Stiftspfarre in Admont als Pfarre zu übernehmen. Mittlerweile bin ich 21 Jahre Pfarrer in Admont und werde das auch nach meiner Abtwahl weiterhin bleiben, weil ich ja deswegen Priester geworden bin, um Pfarrer zu sein. Diesen Bezug, diese Verbindung zu den Menschen von hier möchte ich nicht aufgeben.

Gab es für Sie eine eindeutige Berufung zum priesterlichen Amt?

Ich reflektiere selber auch öfter über diese Frage. Da lässt sich bei mir nichts Punktuelles feststellen, sondern ich bin da vielmehr kontinuierlich hineingewachsen. In unserer Familie war es so, dass uns unsere Mutter – ich habe noch einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester – mit einer Selbstverständlichkeit jeden Sonntag zur heiligen Messe mitgenommen hat. Sie war da die treibende Kraft, mein Vater war eher nur durch die Kirchenbeitragssteuer mit der Kirche verbunden (lacht). Wir konnten uns aber immer frei dazu entscheiden, ob wir in die Kirche mitgehen wollen oder nicht. Bei mir war es so, dass ich meinen Zugang zu Gott damals schon durch die heilige Messe gefunden habe. Entscheidend war sicherlich auch, dass bei uns zu Hause nicht täglich, aber doch immer wieder, gebetet wurde, dass Advent, Weihnachten und Ostern zu Hause gefeiert wurde. Da wurde mir klar, dass Beten und an Gott glauben nicht nur in der Kirche existiert, sondern, dass sich dieser Bogen des Glaubens auch bis in mein Heim spannt und der Glaube auch im Alltag mitgestaltend sein soll.

Wie lebt man eine lebendige Beziehung zu Jesus und zu Gott?

Da möchte ich gerne auf unseren Ordensgründer, den heiligen Benedikt zurückgreifen, der im 6. Jhd. eine Ordensregel niedergeschrieben hat, die gerne mit dem Spruch „ora et labora et lege“ – „bete und arbeite und lies“ – zusammengefasst wird, um damit ein Gleichgewicht im Leben herzustellen. Das Lesen ist dabei auf die heilige Schrift, auf geistige Lektüre und auf Bildung bezogen. Ich verstehe es so, dass man niemals aufhören soll, sich weiterzubilden. Man wird in Benediktinerklöstern auch immer große Bibliotheken vorfinden, wenn auch nicht jede so groß ist wie die in Admont. Benedikt schreibt auch, dass man ein Leben lang auf Gottsuche bleiben soll. Dieser Gedanke hat mir von jeher imponiert und mich fasziniert, da es keinen Moment gibt, in dem man Gott gleichsam wie einen Besitz für sich hat, sondern man ist hier auf Erden ein Leben lang auf Gott zugehend. Eine besondere Hilfe für uns Christen bei der Gottsuche ist Jesus Christus wie er sich uns zeigt, vor allem in der heiligen Schrift, wo wir im Neuen Testament nachlesen können und natürlich die Feier der heiligen Messe im Gottesdienst. Weiters schreibt Benedikt in seiner Regel, dass man als Mönch Christus und dem Gottesdienst nichts vorziehen soll. Also seinen Glauben leben soll, indem man sich immer wieder neu auf Jesus einlässt und immer wieder aufs Neue versucht aus den Zeilen im neuen Testament einen Bezug zur Gegenwart und zum eigenen Leben herzustellen. Das ist und bleibt eine sehr spannende Herausforderung für uns Mönche und hoffentlich auch in abgeschwächter Form für alle, die sich Christen nennen.

Wenn Sie eine einzige Zeitreise zur Verfügung hätten, wo würden Sie hinreisen?

Ich wäre vielleicht nicht ganz so verwegen und würde zurück in die Zeit Jesu reisen, aber als geschichtsliebender Mensch würde mich die Zeit so ein paar Jahrzehnte nach dem Jahre 1074 sehr interessieren, weil im Jahre 1074 das Stift Admont gegründet worden ist. Mit dem Wissen von heute in die Anfangszeit des Stifts zurückreisen und den Mitbrüdern von damals begegnen und zu sehen, wie diese damals ihren Alltag gelebt haben, wäre tatsächlich sehr aufregend und faszinierend für mich (lacht)!

Hat Sie eine andere Religion auch einmal angefangen zu faszinieren?

Ja, im Theologiestudium ist es ja so, dass man nicht nur auf die christliche Religion eingeschworen wird, sondern, dass versucht wird, den Geist und den Blick auf alle großen Weltreligionen hin zu weiten. Natürlich habe ich mich dabei sehr gründlich mit dem Judentum auseinandergesetzt, weil Christ sein ohne dem Judentum ja gar nicht verstanden werden könnte. Ein Religionswissenschaftler hat mich bei meinen Studien ganz besonders fasziniert, Kardinal Franz König, der in sehr klaren, verständlichen Worten seine Ehrfurcht gegenüber jedem glaubenden Menschen und jeder gelebten Religion zum Ausdruck bringt.

Glauben Sie, dass es schlussendlich nur einen Gott für alle Menschen gibt, egal welcher Religion sie angehören?

Die Gottesbilder, die wir haben, sind nicht gleich, auch unter den monotheistischen Religionen nicht. Es gibt nur einen Gott, davon bin ich überzeugt, und das würde Ihnen auch ein Muslim unterschreiben (lacht). Ich als Christ kann eindeutig argumentieren, warum ich an den christlichen Gott glaube wie ihn uns Jesus Christus verkündet hat, habe aber auch kein Problem damit, das Wort Allah auszusprechen und dabei an einen einzigen Gott zu glauben.

Was für eine Bedeutung hat Glaube in unserer Zeit?

Es gibt jene, die Ihr Leben von Gott prägen lassen, und es gibt jene, die gar nichts davon wissen wollen. Ich bin dankbar, in einem Land geboren zu sein, in dem sich jeder frei für seinen eigenen Glauben entscheiden und diesen leben kann. Und auch Menschen, die keinen großen Glauben haben, können hier immer ihre Meinung vertreten. Wichtig dabei ist mir nur, dass man mit Respekt miteinander umgeht. Was uns aber prinzipiell alle einen sollte, ist die Nächstenliebe und das Bemühen, miteinander gut umzugehen, ganz egal, welchen Glauben man hat.

Tatsache ist, dass wir in unserem Lande vermehrt muslimischen Gläubigen begegnen, die ihren Glauben leben. Und dafür brauchen Sie sich sicher nicht entschuldigen. Andererseits werden sich diese Muslime auch fragen, wie die Christen eigentlich ihren Glauben leben und werden Christen auch danach fragen. Auf solche Fragen sollte man nicht nur mit einem Achselzucken antworten können. Als Optimist denke ich mir, dass dadurch eine positive Herausforderung entstehen kann, durch die sich auch die Christen in unserem Lande wieder verstärkt mit ihrer christlichen Identität  auseinandersetzen. Und zwar nicht, um sich auf einen Streit einzulassen, sondern um ernsthaft über Glaube miteinander reden zu können, sodass man keine Angst voreinander haben muss.

Wie lässt sich das Amt des Abtes mit all der Verantwortung für die verschiedenen wirtschaftlichen Betriebe mit dem Grundsatz von Benedikt dass dem Gebet nichts vorzuziehen sei, vereinen?

Da hilft einem sehr der geregelte Tagesablauf im Kloster. Als geistliche Gemeinschaft beginnen wir jeden Tag um 6:15 Uhr mit dem Morgengebet, das bis 7 Uhr dauert. Um 7 Uhr wird dann die heilige Messe gefeiert und anschließend gefrühstückt. Nach dem Frühstück geht man der Arbeit nach, für die man eingeteilt ist. Weitere Gebetszeiten folgen um 12:15 und um 17:45 Uhr. Beim Führen des großen Wirtschaftskörper der STIA werden wir seit Jahren und Jahrzehnten vom jeweiligen Wirtschaftsdirektor und den leitenden Angestellten, die alle sehr sorgsam mit ihren Aufgaben umgehen, unterstützt. In diesem großem Miteinander der STIA beschäftigen wir die stattliche Zahl von ungefähr 400 Angestellten. Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung, die wir schon über Jahrzehnte hinweg garantieren.

Wie werden im Kloster wichtige Entscheidungen getroffen?

Bei wichtigen Entscheidungen, auch wirtschaftlicher Natur, wird ein sogenanntes Kapitel zusammen gerufen. Ein Kapitel besteht aus dem Abt und denjenigen Mitbrüdern, die die ewige Profess haben. (Tritt man ins Kloster ein, ist man ein Jahr lang im Noviziat, danach kommt man für drei Jahre in die zeitliche Profess und dann stimmt die Klostergemeinschaft über den Erhalt der ewigen Profess ab, in der man, wie der Name schon sagt, ein Leben lang bleibt.) Das sind bei uns 22 von 24 Brüdern. In diesem Kapitel werden alle wichtigen Fragen des Klosters behandelt. In wirtschaftlichen Fragen wenden wir uns dankbar an unseren kompetenten und weitsichtigen Wirtschaftsdirektor Helmuth Neuner. Ihn können wir mit unseren Fragen löchern (lacht). Zur Entscheidung finden wir dann ganz einfach mit demokratischen, um keinen Gruppenzwang zu erliegen auch oft geheimen, Abstimmungen im Kapitel.

Was für Parallelen ziehen Sie zwischen Philosophie und Glauben?

Starke Parallelen. Dem wird in der theologischen Ausbildung auch Rechnung getragen, da man sich dabei mit theologischen wie mit philosophischen Fragen konfrontiert sieht. Ein philosophisch bewanderter Diskussionspartner liefert natürlich eine Menge Munition im Argumentieren, da wird einem nichts geschenkt (lacht)!

Finden sich denn genug neue Mönche, um den Fortbestand des Stifts zu sichern?

Gerade in einer Zeit, in der die Bereitschaft, einen geistlichen Beruf ergreifen zu wollen,  nicht mehr so groß ist wie früher, sind wir uns sehr wohl darüber im Klaren, dass es eine ganz wichtige Aufgabe ist, um Nachwuchs zu beten und als Gemeinschaft eine Ausstrahlung zu haben, die einladend ist  für die Lebensform in einem Kloster. Wir sind von jeher bemüht, ein offenes Haus für Menschen zu sein, die das klösterliche Leben einmal in einer Art „Kloster auf Zeit“ kennenlernen und ausprobieren möchten. In jedem Benediktinerkloster gibt es einen Gastpater, den man fragen kann, ob Gästezimmer frei sind, auf Wunsch kann man mit den Mönchen die Gebetszeiten verbringen und miteinander essen. Auf diesem Weg wollen wir Menschen dazu verhelfen, im Vorfeld herauszufinden, ob das klösterliche Leben einen passenden Lebensweg darstellt oder nicht.

Das bedeutet, dass man auch ohne Theologiestudium ein Ordensbruder werden kann?

Ja, auch das ist möglich. Auf Grund der Vielfalt an Aufgaben, die das Kloster Admont zu bieten hat, besteht auch die Möglichkeit, als Nichtpriester ein Mönchsein in unserem Haus zu leben. Das Schöne an unserem Klostergemeinschaftsdasein ist, zu erleben, was die Fülle an unterschiedlichen Begabungen alles möglich macht.

Was ist Ihr kürzestes Gebet?

Schlicht und einfach: „Mein Jesus, Barmherzigkeit.“ Tatsächlich wende ich dieses kurze Gebet sehr oft für mich selbst an, da darin etwas ganz Prägendes zum Christsein zur Sprache kommt: Die Barmherzigkeit – letztendlich eine Kurzzusammenfassung des christlichen Glaubens.

Glauben Sie, wiegt das gesprochene oder das geschriebene Wort schwerer?

Das geschriebene bleibt länger, das gesprochene kann eindrucksvoller sein.

Hat man als Priester keine Angst vor dem Tod?

Man spricht als Priester leichter über den Tod als es andere Menschen wahrscheinlich gewohnt sind. In den 27 Jahren, die ich jetzt schon Priester bin, habe ich doch schon viele Menschen zu Grabe getragen, die viel jünger waren als ich. Das lässt einen immer wieder nachdenken, denn auch als Priester steht man bei einem Begräbnis nicht routinemäßig vor einer trauernden Gemeinde. Natürlich möchte ich keine Angst haben vor dem Tod und viele Menschen, die ich am Sterbebett erlebt habe, geben mir Kraft, in der Stunde des Todes ebenfalls so stark zu sein.

Bitte geben Sie uns eine Erklärung zu Ihrem eigenen Abt-Wappen.

Die zwei gekreuzten Kerzen stehen in der Sprache der Kirche für den heiligen Blasius, den Patron des Stifts und der Pfarrkirche Admont. Der Krug ist das Innungszeichen der Hafner, als Bezug zu meinem Nachnamen. Die Farbe des Wappens spiegelt die Farben des Stadtwappens von Trieben wieder, des Ortes, an dem ich geboren wurde. Der Spruch: „Liebt einander, wie ich Euch geliebt habe“, ist einer meiner Leitsprüche aus dem Johannesevangelium.

Wappen_Abt_Gerhard[1]

Abt Gerhard, vielen Dank für das Gespräch, wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre neue Aufgabe.

Am 23. April um 14 Uhr findet in der Stiftskirche Admont die Abtsbenediktion statt.

Fotos: Stift Admont, Marcel Peda

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