200 Jahre Raiffeisen

Weil Friedrich Wilhelm Raiffeisen heuer vor 200 Jahren geboren wurde und wir als Landgenossenschaft Ennstal eine gewisse Bedeutung für diese Region haben, erlaube ich mir, ein paar Zeilen zum Thema Genossenschaften und Raiffeisen zu schreiben.


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Geboren ca. eine Stunde östlich von Bonn hat F. W. Raiffeisen (1818 – 1888) die Probleme der Landbevölkerung – vor allem im Hungerwinter 1846/47 – kennengelernt und versuchte mit der Gründung von speziellen Vereinen (in Folge Genossenschaften), der Armut großer Teile der Bevölkerung entgegenzuwirken.

Die Genossenschaftsidee ist darauf zurückzuführen, dass es ihm mit beispiellosem Idealismus, enormer Überzeugungsarbeit und v. a. einer unsagbaren christlichen Einstellung gelungen ist, einige wohlhabende Bürger dafür zu gewinnen, solidarisch für Kredite zu haften. Mit dem Geld aus diesen Krediten wurde dann z. B. Getreide für diejenigen gekauft, die bereits mittellos waren, um damit Brot zu backen und so die Hungersnot zu lindern. Es ist auch heute noch so, dass die Funktionäre (Vorstand und Aufsichtsrat) mit ihrem Vermögen für die Verbindlichkeiten des Vereins haften. Anfänglich hat man sich eher auf das Darlehensgeschäft beschränkt. Später sind landwirtschaftliche Produktions- (z. B. Molkereien), Einkaufs-, Absatz-, Wohnbau-, Gewerbeund Handwerksgenossenschaften dazugekommen. Heute gibt es in Österreich rund 1.600 eigenständige Genossenschaften in verschiedensten Bereichen mit ca. 2,1 Millionen Mitgliedern.

Das heißt, jede/r vierte ÖsterreicherIn ist Mitglied in irgendeiner Genossenschaft. Genossenschaften sind freiwillige Zusammenschlüsse von Mitgliedern zu einem gemeinschaftlichen Unternehmen mit dem gesetzlich vorgegebenen Ziel, die Wirtschaft und den Erwerb ihrer Mitglieder zu fördern. Allen gemeinsam ist das Leitbild: „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das schaffen viele.“ In manchen Teilen der Bevölkerung haben Genossenschaften das Image, ein wenig altmodisch oder „verstaubt“ zu sein. Das mag auch mit der regionalen und traditionellen Verankerung, der Bodenständigkeit und der Kundenorientierung zu tun haben. Aber gerade inmitten der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts hat sich ihr Wirtschaftsmodell als Anker der Stabilität erwiesen. Durch das Prinzip der Selbstverantwortung verhalten sich die Akteure weniger risikobereit und die Genossenschaft zeigt sich weniger anfällig für Konjunktureinflüsse. Wesentlich dabei ist auch, dass keine Anteile gehandelt werden, die Spekulanten in die Hände fallen könnten.

Manche meinen, dass alles, was ein Giebelkreuz trägt, irgendwie zusammengehört. Dem ist aber nicht so. Die einzige Klammer ist der Raiffeisenverband als gesetzliche Interessensvertretung und Revisionsorgan (wie z. B. Ernst & Young oder PWC bei anderen großen Unternehmen). Übrigens, die größte Genossenschaft befindet sich in Frankreich mit weit über 100 Milliarden Umsatz. „Genossenschaften erinnern die internationale Gemeinschaft daran, dass es möglich ist, wirtschaftliche Machbarkeit und soziale Verantwortung zu verbinden“, so Ban Ki-moon, der ehemalige Generalsekretär der UNO.

Ing. Johannes Pauritsch
GF der Landmarkt KG, Gesellschafter der LBN

Foto: KK