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Aus’n Leb’n – Interview mit Cilli Kerschbaumer aus Wörschach, geboren 1921

Hoch über dem Ennstal, auf der Bärenfeichten-Alm, traf ich an einem heißen Augusttag Cilli Kerschbaumer. Bei Radler und Steirakasbrot lauschte ich im Schatten der „Cilli-Hütt’n“ den Erzählungen aus ihrem Leben.

Frau Kerschbaumer, Sie bewirtschaften Ihre Almhütte nun schon seit 25 Jahren. Was zieht Sie immer wieder hier herauf?

Hier oben sind die Leute irgendwie anders und ich bin es auch. Ich mag die Ruhe, die hier herrscht, und den weiten Ausblick. Ich wollte eigentlich nie auf die Alm gehen, aber als ich nach dem Tod meines Mannes 1992 den ersten Sommer heroben verbracht habe, hat es mir doch gefallen. Die Alm ist schon etwas ganz Besonderes.

Sie haben sechs Kinder, 13 Enkelkinder und 24 Urenkel. Wie empfinden Sie Zeit?

Meine Kinder sind schon alle in der Pension (lacht)! Wenn ich sehe, wie mittlerweile meine Urenkel heranwachsen, der älteste ist ja auch schon 25, merke ich, wie schnell die Zeit vergeht. Stellen Sie sich vor, von der Familie meiner Stiefmutter kenne ich fünf Generationen! In meinem Alter scheint die Zeit einfach zu fliegen.

Bitte erzählen Sie mir aus der Zeit, in der Sie aufgewachsen sind.

Aufgewachsen bin ich in St. Martin/ Grimming. Meine Mutter ist gestorben, als ich eineinhalb Jahre alt war. In den Dreißigerjahren gab es kaum Arbeit, die Menschen verloren ihre Wohnungen und viele hausten mit den Kindern auf der Straße. Wenn ich erzähle, dass damals an einem Tag manchmal bis zu 40 Menschen zu unserem Haus betteln gekommen sind, kann sich das heute ja gar keiner mehr vorstellen. Obwohl wir damals selbst kaum etwas hatten, war es eine Selbstverständlichkeit, dass man den noch Ärmeren etwas abgegeben hat. In der Not helfen die Menschen weit mehr zusammen als im Wohlstand. Die Nachbarschaftshilfe von damals war einfach unglaublich stark. Das ist heute alles ganz anders.

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Mit 90 Jahren besuchte Cilli für vier Wochen ihre Enkelin Katja in Uganda. Im Hintergrund der Nil.

Was haben Sie während der Kriegsjahre gemacht?

Mit 20 Jahren (Anm.: 1941) habe ich mich zum Roten Kreuz gemeldet und habe während des Krieges als Krankenschwester in Lazaretten in Polen, in der Ukraine und in Italien gearbeitet. Wie viele Männer dort gestorben sind war schrecklich! Nicht jedem konnte man die Hand dabei halten, es waren einfach zu viele. In den letzten Augenblicken ihres Lebens wandten sich die meisten an den Herrgott, egal ob Major oder Oberst. Die jungen Burschen riefen meist nach ihren Müttern. Weil sie keine anderen Männer mehr hatten, wurden ja leider am Ende des Krieges noch die ganz jungen und die ganz alten Jahrgänge eingezogen.

Was können Sie als Zeitzeugin über die Judenverfolgung erzählen?

Ein Bild kann ich bis heute nicht vergessen. In Lemberg (Anm.: Ukraine) sah ich, wie eine ganze Gruppe Juden, die ja alle den gelben Stern tragen mussten, abgeführt wurde. Die wurden alle liquidiert. Ich habe es nicht gesehen, aber das hat man schon mitbekommen. (Anm.: Viele der meistenteils jüdischen Häftlinge wurden im Zwangsarbeitslager Lemberg-Janowska vor Ort in den Sandhügeln hinter dem Lager erschossen.)

Hat man gewusst, was in den Konzentrationslagern mit den Menschen passiert?

Man hat schon gehört davon. Und man hat ja auch immer wieder gesehen, wie sie Juden abtransportiert haben. Zu so einem Lager ist man aber gar nicht hingekommen. Ich war damals ein junges Mädchen, das sich für Politik überhaupt nicht interessiert hat. Aber was da mit den Juden passiert ist war ein riesiges Unrecht!

Wann kamen Sie nach Hause zurück?

Das Datum weiß ich noch ganz genau, es war der 11. November 1945. Meine Schwester ist dann 1948 nach Amerika ausgewandert und vor vier Wochen in Atlanta, wo ich sie vor acht Jahren noch besucht habe, verstorben. 1951 habe ich geheiratet. Mein Mann war ein Wörschacher Bergbauer, gemeinsam haben wir die Landwirtschaft und ein kleines Gasthaus betrieben. Und in Rottenmann habe ich als Krankenschwester gearbeitet. Die Tiere hatten wir im Sommer immer schon hier auf der Alm, wo wir Butter und Käse gemacht haben.

Haben Sie ein Rezept für unsere Leser zum Alt- und Glücklichwerden?

Nie aufhören zu arbeiten, auch wenn man im Alter nicht mehr alles machen kann. Sich nicht zurückziehen. Für die alten Leute ist die Einsamkeit das Schlechteste, was es gibt. Leider haben die Jungen oft keine Zeit mehr für ein paar Worte, obwohl das so wichtig wäre für die Alten. Ich kann mich da ja nicht beschweren, weil die Leute zu mir auf die Alm kommen und ich da immer die Gelegenheit habe, mit anderen zu reden. Aber man muss eben auch selber etwas dafür tun, dass man mit anderen in Kontakt kommt. Nicht warten, dass wer anruft, sondern selbst anrufen und zu einem Kaffee einladen.

Foto: König