ES WAR EINMAL … IN STAINACH-PÜRGG Die Gründung des Fremdenverkehrsvereins Pürgg

Vor rund 55 Jahren entschloss man sich in Pürgg zur Gründung eines Fremdenverkehrsvereins. Der Liezener Stefan Berger, Jahrgang 1935, hat die Bestrebungen zur Förderung des Tourismus in seiner damaligen Wohnsitzgemeinde hautnah miterlebt. In unserer aktuellen Printausgabe haben wir den Bericht des in Wörschachwald Aufgewachsenen wie gewohnt in gekürzter Form veröffentlicht, hier die Langfassung.

Foto: Copula – STOCK.ADOBE.COM

Wenn man die Gründung des Vereins für Fremdenverkehr in der Gemeinde Pürgg beschreiben will, muss man etwas weiter zurückgreifen, denn einen bescheidenen Fremdenverkehr gab es schon lange vor der Vereinsgründung. Bereits im Jahre 1910 baute der Gastwirt und Kaufmann Adolf Adam ein Hotel in Pürgg. Es gab im Ort Pürgg drei Gasthäuser – Mössner, Krenn und Adam – und einige Privatzimmervermieter. In erster Linie kamen Wiener nach Pürgg, um hier Sommerfrische zu machen. Die Preise für Kost und Quartier waren sehr bescheiden und entsprachen den sparsamen Wienern sehr. Der Adam als Kaufmann und jetzt Hotelier hat dann angefangen, sogenannte bessere Gäste nach Pürgg zu locken und daher waren hier wohl die ersten österreichischen Ärztekongresse veranstaltet worden.

Langsam blühte der schöne Ort Pürgg immer mehr auf. Allerdings gab es noch immer Misthaufen im Ort, die Bauern waren an den Fremden gar nicht so sehr interessiert, weil die beim schönsten Wetter, wenn es die meiste Arbeit gab, nur so herumspaziert sind. Sie haben sich ins hohe Gras gelegt und sind über Zäune gekraxelt, sogar die Schwammerl und Pilze haben sie gegessen und „immer ham’s was wissen wollen“. Aber weil die, die die Zimmer vermietet haben, doch etwas Geld eingenommen haben, sind immer mehr draufgekommen, dass die Fremden gar nicht so übel sind! Vermehrt haben die Pürgger Gäste auch Wanderungen unternommen und so wurden auch Wörschachwald sowie Zlem und der Spechtensee, die Wörschacher Klamm, das Gindlhörndl, der Hechlstein sowie die vielen Almen rundum entdeckt.

Nachdem schon von jeher Wege und Steige zu den Almen und Bergen vorhanden waren, brauchte hier vorerst nicht viel getan, sondern lediglich manches verbessert werden. Aber als es dann doch immer mehr Wanderer gab und sich immer wieder welche verlaufen haben, mussten Markierungen her. Für müde und nicht so sportliche Gäste, v. a. ältere, brauchte es außerdem Ruhebänke, besonders an schönen Aussichtsplätzen. Bei den Markierungen gab es allerdings verschiedene Meinungen. Die Einheimischen fragten sich vielfach, wozu eine so blöde Farbverschwendung denn gut sei, wo doch eh der Weg gut zu erkennen sei. Sie vergaßen dabei leider, dass es bei Weggabelungen und Abzweigungen für einen nicht Ortskundigen unmöglich war, den richtigen Weg zu kennen. Hier waren vor dem Krieg die Wirte sehr aktiv. Sie haben immer wieder zusammengeholfen, um Steige, Wege, Brücken und Markierungen instand zu halten.

Dann kam der Krieg, einige kamen aus dem Krieg nicht mehr zurück. „Gefallen für das Vaterland“, so hat es geheißen. Und diese Männer fehlten dann – nicht nur in der Landwirtschaft, nein, in allen Bereichen, auch in der Gastronomie und dem Fremdenverkehr. Nach 1945 waren weder Gäste noch Wanderer zu sehen, die einzigen, die damals durch die Wälder streiften, das waren die Einheimischen, weil die inzwischen auch draufgekommen waren, das die Pilze, die vor dem Krieg nur die Fremden gesucht und verzehrt hatten, auch für sie gut waren und zum Überleben beitrugen. 1946 und 1947 waren die schlimmsten Jahre, was Lebensmittel anbelangt und gerade da gab es, wie von Gott gewollt, Pilze in rauen Mengen. Da wurde getrocknet und eingelegt. Der Dachboden wurde als Trockenanlage genutzt. So mancher Pilz war dann aber auch von kleinen Würmern befallen und musste leider entsorgt werden.

Langsam kamen dann wieder mehr Gäste nach Pürgg und Umgebung. Es wurden neue Häuser gebaut und, weil’s was bringt, auch so einige Fremdenzimmer eingerichtet. Es war schön hier, aber die Gäste wurden mit der besser werdenden Zeit auch immer anspruchsvoller. Es fehlte an allen Ecken und Enden und so wurden die Rufe nach einem Fremdenverkehrsverein immer lauter. Rundum, in Orten wie Tauplitz, Mitterndorf, Irdning und Bad Aussee, gab es längst Organisationen, die sich um die Belange und Bedürfnisse der Gäste bemüht haben. Nur in Pürgg war nichts los: kein Bad, viel zu wenig Ruhebänke, kein Tennisplatz. Die Gäste, v. a. die Jungen, jammerten gleich am zweiten Urlaubstag: „Heast, do is ja nix los!“

Fritz Fahringer

Zu dieser Zeit, so in den hohen Fünfzigern, Anfang der Sechziger, gab es dann einen umtriebigen Geschäftsmann, nämlich Dr. Ing. Fritz Fahringer. Der war – wie soll man es höflich sagen – ein Schelm und Querdenker in der Gemeinde Pürgg, v. a. dem damaligen Bürgermeister gegenüber. Weil in der Gemeindestube und im Gemeinderat in Sachen Fremdenverkehrsverein nichts weiter ging, hat der Fahringer angekündigt, einen entsprechenden Verein zu gründen. Und damit für die Gemeinde keine Kosten entstehen, würde er den Obmann natürlich ehrenamtlich machen und darüber hinaus eine Schreibkraft aus seinem Betrieb kostenlos zur Verfügung zu stellen. Dieser Vorschlag bewegte alle, die etwas mit Gästen zu tun hatten. Man ist in der kleinen Gemeinde aufgewacht. Es bestand die Meinung, dass ein Verein hermüsse, aber der Fahringer nicht Obmann werden dürfe, aus basta!

Zur gleichen Zeit habe ich, Stefan Berger, der Enkelsohn vom Gasthof Dachsteinblick in Wörschachwald, mit meiner Frau in Lessern ein Haus gebaut, und zwar mit dem Ziel, später, wenn die geplante neue Bundesstraße dort vorbeiführen sollte, eine Pension oder gar ein Gasthaus daraus zu machen. Ich war zu dieser Zeit Skilehrer in Tauplitz und daher viel mit Gästen und Fremdenverkehr beschäftigt. Auch ich bedrängte damals die Gemeinde mit der Forderung, endlich einen Fremdenverkehrsverein zu installieren, weil man den Leuten etwas mehr bieten müsse als nur die schöne Gegend.

Die Gründungsversammlung

Langsam kam die ganze Sache in Bewegung. Es wurde eine Gründungsversammlung im Gasthof Mössner in Pürgg offiziell von der Gemeinde ausgeschrieben. Vonseiten der Landesregierung war der damalige Landesrat für Fremdenverkehr, Franz Wegart, angesagt. Es war eine eigenartige, angespannte Situation. Einerseits wollte man unbedingt einen Verein gründen, andererseits aber nicht so, wie es der gute Fritz Fahringer wollte. Aber dies auf elegante Art auf die Reihe zu bringen, war nicht einfach. Noch vor der „Kirchzeit“ traf ich mich am Pürgger Dorfplatz mit Vizebürgermeister Hans Schachner vulgo Ehmann aus Wörschachwald zu einem Krisengespräch. Nach kurzer Beratung wurde beschlossen, den Landesrat auf der Zufahrt nach Pürgg abzufangen, um ihm von der angespannten Situation zu berichten.

Gesagt, getan! Wir fuhren bis zur Bahnunterführung und warteten dort, bis ein Auto mit Kennzeichen „ST 5“ kam, denn dieses Kennzeichen hatte der Landesrat Wegart inne. Ein Mercedes kam, es war auch das besagte Kennzeichen dran. Das Fahrzeug wurde gestoppt, aber drinnen saß nicht der Landesrat, sondern der Fremdenverkehrsdirektor der Steiermark, Hofrat Dr. Josef Gaisbacher. Der Vizebürgermeister Schachner hat mit kurzen Sätzen dem Dr. Gaisbacher die Sachlage erklärt und ihn gebeten, dementsprechend in der Versammlung vorzugehen. Es war vor der Versammlung schon viel diskutiert und geredet worden, nur über einen anderen Obmann als den Fahringer hatte noch niemand gesprochen. Bis zu dem Moment, als der Dr. Gaisbacher aus dem Auto heraus die berechtigte Frage stellte: „Ja habt’s denn an anderen als den Fahringer?“ Da zeigte der Vizebürgermeister ganz einfach auf mich und sagte: „Jo, eahm do!“ Und so ging es in die Gaststube vom Gasthof Mössner und jetzt war ich, der junge Skilehrer, plötzlich im Spiel und sollte da eine Hauptrolle spielen.

Bei der Versammlung selbst waren wir überrascht, dass das Gastzimmer sich inzwischen bis auf den letzten Platz gefüllt hatte. Das Interesse war also vorhanden, es war wohl aber auch die Neugier, wie die Sache mit dem Fahringer ausgehen werde. Dr. Gaisbacher sprach zuallererst von den Vorteilen eines Vereins, aber auch von den Pflichten und Möglichkeiten, die allgemeine Lage für die Gäste, aber auch für die Vermieter zu verbessern. V. a. sagte er gute finanzielle Hilfe vonseiten der Landesregierung spontan zu! Danach redete Dr. Fahringer über seine Pläne, die meist mit einem Lächeln der Zuhörer aufgenommen wurden. Schließlich übernahm wieder Dr. Gaisbacher das Wort und sagte nur einen Satz: „Herr Dr., Sie denken in Spiralen!“ Was immer er damit gemeint hat, die Diskussion war beendet, als der Hans Schachner der Versammlung mich, den jungen Stefan Berger, für die Wahl zum Obmann vorgeschlagen hat. Da waren wohl einige sehr überrascht. Allerdings war die Überraschung für mich noch größer, denn es gab nur eine Gegenstimme, nämlich die von Dr. Fritz Fahringer.

Ich habe damals sofort erkannt, dass die Begeisterung jetzt sehr hoch war und ich die Situation ausnützen und sofort handeln musste. So habe ich an Ort und Stelle Leute gebeten, im Verein mitzuarbeiten. Vom Schriftführer bis zum letzten Beirat habe ich mir sofort Leute ausgesucht und kein Einziger hat abgelehnt: Nachstehend die Ausschussmitglieder, die in der Gründungsversammlung vom 28. März 1965 im Gasthof Mössner in Pürgg gewählt wurden: Obmann Stefan Berger, 1. Obmann-Stellvertreter Wilhelm Rainer, 2. Obmann-Stellvertreter Johann Zandl vulgo Brunner, Schriftführer Alfred Schachner, Schriftführer-Stellvertreter Christine Gewessler, Kassier Johann Schachner vulgo Weißinger, Kassier-Stellvertreter Roman Kreutzer, Wegreferent Josef Sallfeldner, Rechnungsprüfer Leo Sieger und Fritz Katzensteiner. Anton Adam, die Lehrer Lorenz Riegler und Günther Mauerhofer, Vizebürgermeister Johann Schacher vulgo Ehmann sowie Heinrich Stampfer wurden Beiräte.

Der Verein war geboren und die Begeisterung hatte voll eingeschlagen! Ein besonderer Mitarbeiter, sozusagen der gute Geist im neuen Verein, war der Eisenbahner Sepp Sallfeldner. Er hatte in Pürgg nach dem Krieg eine feine, kleine Pension erbaut und war ab der Vereinsgründung voll und ganz für den Verein aufgegangen. Er hat zu mir als Obmann bei einer Sitzung gesagt: „Schau du, dass immer genug Geld von Graz heraufkommt, die Arbeit da in der Gemeinde mache ich.“ So war es dann auch. Die ersten 5.000 Schilling hat der Sepp für den Ankauf von Farbe für die Markierungen und für den Ankauf von einigen Bankerl verbraucht.

Viele „Bettelfahrten“ nach Graz

Viele Pläne sind plötzlich aufgetaucht und nicht alle konnten erfüllt werden, aber als erstes wurde der Wasserfallweg in Lessern gebaut, worüber es eine eigene Geschichte gibt. Dann kam das Freibad in Pürgg, es wurde 1968 eröffnet. Für den kleinen Verein eine Monsteraufgabe. Viele „Bettelfahrten“ nach Graz zum Landesrat Wegart waren notwendig, bis die Anlage fertig war. Und dann, bei der Einweihung hat es in Strömen geregnet. Die Feier musste im Alpenhotel Adam abgehalten werden, wobei der Herr Landesrat in seiner Festansprache meinte: „Ich habe schon viele Bäder eröffnet, aber in einem Festsaal eine Festrede zu einer Baderöffnung, das ist neu!“

Dazu noch eine kleine Begebenheit: Immer, wenn ich das Büro in der Landesregierung betreten habe, hat mich der Landesrat mit den Worten „Was kost’s den heute wieder?“ begrüßt. Dann nahte das Ende der Bauarbeiten beim Bad, die Eröffnung war schon angekündigt, aber es fehlten noch 50.000 Schilling. Von der Gemeinde war nichts zu holen, also musste ich wieder nach Graz. Landesrat Wegart stellte wieder die übliche Frage. Ich verlangte den Betrag und er wurde mir auch prompt zugesagt. „Ja, wir überweisen in der nächsten Zeit das Geld wie immer auf euer Konto.“

Dies lehnte ich kategorisch ab: „Nein, bitte nicht überweisen, ich brauche jetzt und auf der Stelle einen Scheck über fünfzigtausend Schilling. Ich habe heute Abend zu einer Sitzung eingeladen und wenn ich diesen Scheck nicht vorzeigen kann, dann bin ich die längste Zeit Obmann gewesen. Ohne diesen Scheck gehe ich nicht aus diesem Büro!“ Daraufhin meinte der Landesrat: „Sie san jo schlimmer wie ein Zigeuner. Die Zigeuner kann man verjagen, aber wie es scheint, Sie meinen es ernst.“ Er rief seinen Sekretär, den Herrn Dr. Falada, und dieser musste vor meinen Augen den Scheck ausfüllen. Aktion gelungen, Bad fertig geworden!

Es gab auch danach noch einige solcher Treffen mit Herrn Wegart und nicht immer ging es friedlich zu, aber ich habe mich immer als Gewinner gesehen. Nach sieben Jahren musste ich leider den Obmann zurücklegen, meine privaten Probleme haben mich zu einer Veränderung und einer Übersiedelung gezwungen. Aber heute noch bin ich stolz darauf, dass ich damals mithelfen konnte, in der schönen Gemeinde Pürgg einen Beitrag zu leisten, der zum Teil bis heute erfolgreich weiterbesteht.


Von historisch bis sagenhaft reicht das Spektrum jener Erzählungen, die uns Hermann Harreiter aus Pürgg übermittelt hat. In der Kolumne „Es war einmal … in Stainach-Pürgg“ veröffentlichen wir diese interessanten Geschichten.


WERBUNG