Gerichtsdrama um obersteirischen NS-Kriegsverbrecher eröffnet Diagonale

Der diesjährige Eröffnungsstreifen des Grazer Filmfestivals Diagonale (13. bis 18. März) erzählt vom Justizskandal um den Gaishorner Franz Murer, der im Zweiten Weltkrieg als „Schlächter von Vilnius“ zweifelhaften Ruhm erlangte.

Franz Murer wurde 1912 in St. Georgen ob Murau geboren und heiratete um 1940 nach Gaishorn. Bereits 1938 war er der NSDAP beigetreten, später schloss er sich auch der SS an und war von 1941 bis 1943 für die Errichtung und Unterhaltung des Ghettos von Vilnius zuständig. In diesen Jahren sank die Zahl der jüdischen Bevölkerung in der einst als „Jerusalem des Nordens“ bekannten Stadt von 80.000 auf wenige hundert. Zeugenaussagen zufolge wütete der Gaishorner dabei mit sadistischer Grausamkeit. Er soll nicht nur Massenerschießungen angeordnet, sondern Ghettobewohner auch höchstpersönlich erniedrigt, gequält, aus nichtigen Gründen erschossen oder mit dem Auto überfahren haben.

Nach dem Krieg verbrachte Murer einige Jahre in russischer Gefangenschaft, wurde aber entgegen den Vorgaben des Staatsvertrages nach seiner Übergabe 1955 an Österreich von der heimischen Justiz nicht weiter verfolgt. Erst 1961 – Murer war inzwischen angesehenes ÖVP-Mitglied und Obmann der Landwirtschaftskammer Liezen – kam es nach Intervention durch Simon Wiesenthal zur erneuten Verhaftung, die unter befreundeten Bauern zu wütenden Protesten vor der Gendamerie in Gaishorn und der Bezirksbauernkammer in Liezen führte. Man schickte sogar eine Abordnung nach Wien, um im Justizministerium die Freilassung zu fordern.

Trotz dieser Bemühungen sowie Interventionsversuchen von Parteifreunden kam es 1963 zum Prozess. Die Anklageschrift listete 15 Mordfälle auf, die der Gaishorner eigenhändig begangen haben soll, 37 Zeugen aus aller Welt belasteten ihn schwer. Murer aber leugnete alles konsequent und gab an, nur mit Verwaltungsaufgaben betraut gewesen zu sein, während seine Söhne – einer von ihnen der spätere FPÖ-Nationalrat Gerulf Murer – im Gerichtssaal Zeugen verhöhnten und prominente politische Fürsprecher für den Kriegsverbrecher aussagten. Murer wurde schlussendlich freigesprochen und lebte bis an sein Lebensende 1994 in Gaishorn. Auf Basis der originalen Gerichtsprotokolle erzählt Murer – Anatomie eines Prozesses von einem der größten Justizskandale der Zweiten Republik und vom fragwürdigen Triumph politischen Kalküls über moralische Werte. In unserer Region wird das Gerichtsdrama im Kino Gröbming zu sehen sein, wann genau der Film gezeigt wird, steht aber noch nicht fest.

Foto: Prisma Film/Ricar do Vaz Palma


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