„Ich träume davon, eines Tages mein eigenes Restaurant zu eröffnen“

Ein Erlass des damaligen SP-Sozialministers Rudolf Hundstorfer aus dem Jahr 2012 ermöglichte es Asylwerbern unter 25 bis vor Kurzem, in Branchen mit nachgewiesenem Lehrlingsmangel, eine Ausbildung zu beginnen. Trotz heftiger Kritik prominenter Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur hat die Regierung kürzlich diese Möglichkeit abgeschafft. Auch bereits in Ausbildung stehende Asylwerber mit negativem Asylbescheid sollen nun abgeschoben werden. Davon betroffen wäre auch Najitoullah Sultani, ein Flüchtling aus Afghanistan, der bei felian cantine cafe in der ARKADE Liezen eine Lehre absolviert. Wir haben mit ihm und Inhaber Ferenc Herzegh gesprochen.

Najit, warum bist du aus Afghanistan geflüchtet?

Ich komme aus Behsud in Afghanistan, wo ich mit meinen Eltern, meinem kleinen Bruder und meiner kleinen Schwester gelebt habe. Als ich acht Jahre alt war, mussten wir aufgrund ständiger Auseinandersetzungen zwischen Kutschi und Hazara (Anm.: zwei Bevölkerungsgruppen) in die Hauptstadt, nach Kabul, ziehen.

In Kabul ging ich sechs Jahre lang zur Schule. Mein Vater fand Arbeit als Bäcker. Eines Tages wurde mein Vater mit zwei Freunden am Weg zur Arbeit von Taliban erschossen. Nach dem Tod meines Vaters musste ich in einem Kleidergeschäft arbeiten, um Geld für die Familie zu verdienen. Leider machte der Besitzer dieses Geschäfts Schulden und flüchtete. Da man sich das schuldige Geld mit Gewalt von mir zurückholen wollte, organisierte meine Mutter über einen Schlepper meine Flucht in den Iran. Dort wurde ich an weitere Schlepper vermittelt, die mich und eine Gruppe anderer Personen zu Fuß über die Grenze in die Türkei brachten. Von der Türkei aus ging es dann in einem mit ca. 45 Leuten voll besetzten Schlauchboot weiter nach Griechenland, von wo aus ich es nach ca. einem Monat nach Athen schaffte. Von dort marschierte ich mit einer Handvoll anderer Flüchtlinge bis nach Ungarn.

Du bist den ganzen Weg zu Fuß gegangen?

Ja, alles zu Fuß! In Ungarn brachte uns dann ein weiterer Schmuggler über die Grenze nach Österreich. Dort wurde ich von der Polizei verhaftet und kam nach kurzen Aufenthalten in den Flüchtlingsheimen Traiskirchen und Semmering in das Heim in Liezen. Seit 13. August 2015 bin ich jetzt schon in Österreich. Zuerst besuchte ich einen Deutschkurs, danach die Übergangsklasse der HAK Liezen, die ich positiv abgeschlossen habe, danach die erste Klasse der HAS. Nach eineinhalb Jahren in der Schule habe ich beschlossen, dass ich mit 19 mein eigenes Geld verdienen möchte und bat meine Betreuerin, mich bei der Suche nach einer Arbeit zu unterstützen. Tatsächlich habe ich eine Anstellung als Kochlehrling im cantine cafe felian in Liezen erhalten. Ich bin wirklich glücklich mit meiner Arbeit und mit meinem Chef, der mir ein guter Freund geworden ist. Er ist sehr zufrieden mit mir und im Jänner werde ich mein zweites Lehrjahr beenden.

Leider wurde mein Asylantrag in erster Instanz abgelehnt. Ich möchte aber unbedingt meine Lehre abschließen, denn das Kochen bereitet mir wirklich sehr viel Freude und ich träume davon, eines Tages mein eigenes Restaurant zu eröffnen.

Ferenc, warum hast du gerade Najit als Lehrling aufgenommen?

Ich habe eineinhalb Jahre lang einen Kochlehrling für mein Restaurant im Zentrum von Liezen gesucht. Dieser Arbeitsplatz ist gut erreichbar, ohne Dienstzeiten am Abend oder am Wochenende. Meines Erachtens beste Voraussetzungen für junge Menschen, die eine Lehre als Koch absolvieren möchten. Leider war der Andrang nur sehr gering bis gar nicht vorhanden und die zwei Bewerber, die ich hatte, erwiesen sich innerhalb kürzester Zeit als vollkommene Fehlbesetzungen in der Küche. Najit aber hat einen sehr ausgeprägten Geschmackssinn und das richtige Gespür für die Zubereitung von Speisen. So etwas kann man nicht erlernen.

Der Junge hat ganz eindeutig großes Talent für den Beruf des Kochs und auch die erste Klasse der Berufsschule mit Auszeichnung abgeschlossen. Außerdem hat er ein sehr höfliches Wesen und immer ein gepflegtes Auftreten. Ich bezahle ihm selbstverständlich die im Kollektivvertrag festgelegte Lehrlingsentschädigung und er bezahlt damit die Miete für seine eigene Wohnung in Liezen, die Fernsehgebühren und monatlich auch einen Betrag an einen Anwalt, der ihm bei seinem Asylverfahren zur Seite steht.

Ich wünsche mir wirklich sehr, dass Najit bei uns in Österreich bleiben kann, denn er ist eine Bereicherung, sowohl für unser Unternehmen als auch für unsere Familie, zu der er mittlerweile ja schon fast dazugehört (lacht).

Foto: Wlaschitz


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