Liezen: Bezirkshauptstadt und wirtschaftlicher Mittelpunkt des Ennstals

Die größte Stadt im Erscheinungsgebiet unserer Zeitung ist weitum für ihre Einkaufsmöglichkeiten bekannt, die jedoch – zulasten des Zentrums – großteils an der Peripherie angesiedelt sind. Die Attraktivierung der Innenstadt sieht Neo-Bürgermeisterin Roswitha Glashüttner (SPÖ) deshalb als ihre wichtigste Aufgabe.


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Über 8.000 Menschen leben heute in Liezen, Pyhrn, Reithtal und Weißenbach, den vier Ortschaften und gleichnamigen Katastralgemeinden der Stadtgemeinde. Wann sich jedoch die ersten Menschen dauerhaft in der Gegend von Liezen niederließen, ist schwer zu sagen. Während man andernorts in unserer Region sehr wohl Funde aus der Jungstein-, Kupferstein- und Bronzezeit gemacht hat, ist dies im Gemeindegebiet von Liezen nicht der Fall. Die frühesten Funde sind zwei römische Grabsteine aus dem 3. bzw. 1. Jahrhundert n. Chr., die heute im Choraufgang der Pfarrkirche eingemauert sind. Vermutlich ab etwa 400 v. Chr. drangen Kelten in den Alpenraum ein, um 200 v. Chr. schlossen sich mehrere Stämme zum Königreich Noricum, das zu einem Gutteil auf dem Gebiet des heutigen Österreichs lag, zusammen.

Zwei im Choraufgang der Pfarrkirche eingemauerte antike Grabsteine zeugen noch heute von der römischen Vergangenheit Liezens.

Kurz vor Christi Geburt wurde dieses Regnum Noricum zur römischen Provinz. Von Süden her kommend über den Triebener Tauern und durch das Paltental führte damals eine bedeutende Römerstraße, die Via Norica, auch direkt an Liezen vorbei und über den Pyhrnpass weiter nordwärts. Am heutigen Brunnfeld stand damals die Poststation Stiriarte, der als letzter Rast- und Umspannstation vor bzw. nach dem Pass große Bedeutung zukam. Die Völkerwanderung besiegelte im 5. Jahrhundert den Untergang des Weströmischen Reichs. In vielen Gebieten, so auch im Raum Liezen, kam es zu einer gravierenden Entvölkerung. Im Verbund mit dem zentralasiatischen Reitervolk der Awaren drangen im 6. Jahrhundert Slawen in diese Gebiete ein, die im 7. Jahrhundert mit dem Fürstentum Karantanien, das auch das Ennstal umfasste, sogar ein eigenständiges Staatsgebilde schufen. Bereits im 8. Jahrhundert kam Karantanien jedoch unter bayerisch-fränkische Oberhoheit.

Mit dem Liezener Drachen im Vordergrund und den Weißenbacher Wänden im Hintergrund vereint das Wappen der Stadtgemeinde Elemente der beiden einst eigenständigen Kommunen.

Wie so viele Orte in unserer Region wird auch Liezen erstmals in Zusammenhang mit der Gründung des Benediktinerstifts Admont im Jahr 1074 urkundlich erwähnt, und zwar in einem Güterverzeichnis als luecen. Das Toponym ist vermutlich slawischer Herkunft und leitet sich von (na) lo(n)ce „(auf der) Wiese“ her. Auch loka „feuchte Wiese“ oder luža „Moor“ werden diesbezüglich, vermutlich aufgrund des nahen sumpfigen Talbodens, oft genannt. Auch wenn die erste Nennung von Liezen aus dem 11. Jahrhundert datiert, ist anzunehmen, dass eine Siedlung schon wesentlich früher bestanden hat. Neben der Lage an der Pyhrnpassstraße ist im Mittelalter der Eisenerzabbau für Liezen von Bedeutung. Dieser ist am Salberg seit dem 13. Jahrhundert nachweisbar. Die Mitte des 12. Jahrhunderts erstmals erwähnte und ursprünglich romanische Kirche St. Veit wurde im ausgehenden 15. Jahrhundert im spätgotischen Stil neu errichtet. Wegen der Türkenbedrohung wurde sie auch mit einem Tabor, einer Wehranlage, umgeben, der bis Anfang des 20. Jahrhunderts existierte, dann aber einem Zu bau weichen musste. Um 1600 erhielt die Kirche den Rang einer eigenständigen Pfarrkirche. Obwohl nie das Marktrecht verliehen wurde, besaß Liezen ab dem 17. Jahrhundert faktisch Marktfunktion.

1850 erhielt Liezen eine Gemeindevertretung, 1866 wurde der Ort Sitz der Bezirkshauptmannschaft. Außerdem erfolgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Entwicklung zum Industrieort für die Eisenverhüttung ein großer wirtschaftlicher Aufschwung. Durch die Anbindung an die Kronprinz-Rudolf-Bahn in den 1870ern und seiner gerühmten Lage wurde Liezen – heute kaum mehr vorstellbar – auch zu einem beliebten Sommerfrischeort. Infolge dieser Entwicklung kam es um die Wende zum 20. Jahrhundert auch zu reger Bautätigkeit. Neben dem Rathaus entstand u. a. auch das Gerichtsgebäude in der Ausseer Straße. War das um 1900 erfolgte Ansuchen um den Status als Marktgemeinde noch abgewiesen worden, erfolgte aufgrund großen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums 1947 die Erhebung zur Stadt. Im Anschluss setzte in Liezen eine bauliche Entwicklung ein, die leider auch mit großem Verlust an historischer Bausubstanz verbunden war. Heute ist Liezen als Bezirkshauptstadt nicht nur das politische Zentrum des Bezirks, sondern auch Sitz vieler Behörden, Schulstadt und bekannte Einkaufsstadt.

Im Rathaus regiert seit Jahresbeginn mit Roswitha Glashüttner eine Frau. Sie ist die erste Bürgermeisterin der Stadt, die einzige einer steirischen Bezirkshauptstadt und eine von nur zweien im gesamten Bezirk.

Der einst überwiegend im Stadtkern situierte Einzelhandel hat sich jedoch im Lauf der letzten 30 Jahre zunehmend an die südliche und südöstliche Peripherie verlagert. Eine Entwicklung, die mit bösen Folgen für die Innenstadt einherging. Folgen, die Roswitha Glashüttner, die seit Anfang Jänner das Bürgermeisteramt der Stadt bekleidet, nun gerne ausbügeln möchte. „Das Zentrum Liezens, der Bereich zwischen Ausseer Straße und Fronleichnamsweg, solle ein Wohlfühl- und Veranstaltungsraum werden“, erläutert Glashüttner. Gemeinsam mit Experten wolle man noch dieses Jahr die Thematik der Ortskernstärkung in Angriff nehmen, aber auch die Bürger sollen miteinbezogen werden und Vorschläge und Wünsche einbringen können. In welcher Form das genau passieren wird, stehe aber noch nicht fest. Von Landeshauptmann- Stellvertreter Michael Schickhofer seien bei der Amtsübergabe auf jeden Fall 500.000 Euro für dieses Vorhaben zugesichert worden. Maßnahmen, merkt die Bürgermeisterin an, seien aber auch bereits in der jüngeren Vergangenheit gesetzt worden, etwa die Wirtschaftsförderung für die Neuansiedlung von Betrieben in der Innenstadt, bei der bis zu 50 Prozent der Mietkosten im ersten Halbjahr von der Stadtgemeinde übernommen werden.

Bürgermeisterin Roswitha Glashüttner: „Ich möchte das Herz der Stadt sein! Das bedeutet für mich, dass ich Ansprechperson für alle BürgerInnen bin und ein offenes Ohr für deren kleine und große Anliegen habe. Es bedeutet aber auch, dass ich die Innenstadt, das Herz der Stadt, voranbringen möchte.“

Am Hauptplatz sei die Neuausrichtung des Bauernmarktes ein Anliegen. „Meiner Meinung nach müssen der Termin am Donnerstag und auch der Standort überdacht werden, eine Verlegung auf den Arkade-Parkplatz fände ich jedoch nicht sinnvoll“, so Glashüttner. In puncto Ennstalbundesstraße bestätigt die Ortschefin, dass die letzten Herbst angekündigten Kleinmaßnahmen im Stadtgebiet, z. B. Fußgängerüber- oder unterführungen, umgesetzt werden sollen. Die Zusage für die nötigen Mittel erhofft sie sich von einem Besuch bei Verkehrslandesrat Anton Lang. „Eine weitere konkrete Möglichkeit“, so Glashüttner, „wäre die Straße auf dem ehemaligen Eisenhof-Gelände.“ Dort führt ja bereits eine Straße bis zum Bundesheergebäude, sie soll nach den Plänen der Gemeinde künftig bis zum OBI-Baumarkt führen und so als Alternativroute das Verkehrsaufkommen auf der B 320 verringern.

Sollte der neue Flächenwidmungsplan genehmigt werden – dieser ist bis 19. Jänner zur Einsicht aufgelegen, derzeit werden die Einwände überprüft, im Anschluss ist noch ein weiterer Gemeinderatsbeschluss vonnöten, spätestens im Sommer sollte es aber einen rechtskräftigen Plan geben – könnte dieses Vorhaben zur Umsetzung gelangen. Aber nicht nur dieses, ein rechtskräftiger Flächenwidmungsplan würde auch grünes Licht für das am Eisenhof-Areal geplante Fachmarktzentrum bedeuten. Ein weiteres und hoffentlich das letzte am Stadtrand – zum Wohle der Innenstadt.

Fotos: Karl, Stadtgemeinde Liezen