Lunz am See: Mitteleuropas Kältepol im südwestlichen Niederösterreich

Wenn die Temperaturen im Land fallen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Lunz am See in die Schlagzeilen gerät, werden doch in einer Doline nahe des Ortes regelmäßig extreme Minusgrade gemessen. Doch die Marktgemeinde im Mostviertel hat viel mehr zu bieten als nur einen Kältepol.

Im großen Gebiet unserer Zeitung ist Lunz einer der am weitesten von Liezen gelegenen Erscheinungsorte. Zwar liegen die beiden Orte nur knapp 67 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt, die Fahrt über gebirgige, kurvige Bundesstraßen in die rund 1.800 Einwohner zählende Gemeinde von Bürgermeister Martin Ploderer (ÖVP), deren sechs Katastralgemeinden sich über etwa 101 Quadratkilometer erstrecken, nimmt jedoch gut eineinviertel Stunden in Anspruch. Funde wie ein 4.000 Jahre altes Steinbeil belegen eine Besiedlung der Gegend um Lunz bereits in der Jungsteinzeit.

Das 1551 vom Hammerherrn Martin Ofner erbaute Amonhaus ist neben dem See die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit von Lunz. Der beeindruckende Renaissancebau verdankt seinen Namen Johann Franz von Amon, in dessen Besitz es sich von 1784 bis 1825 befand.

Ob in der frühen Eisenzeit (ab ca. 800. v. Chr.) tatsächlich die Illyrer als Träger der Hallstattkultur das Gebiet besiedelten, ist neueren Forschungen zufolge zweifelhaft. In der späteren Eisenzeit (ab ca. 400 v. Chr.) kamen Kelten, es folgten, kurz vor Beginn der Zeitrechnung, Römer und nach den Wirren der Völkerwanderung Slawen und Awaren. Letztere wurden im 8. Jahrhundert von Baiern und Franken vertrieben, die Slawen in der Folge nach und nach durch bairische Zuzüglinge assimiliert. An die slawische Besiedlung von Lunz erinnert noch heute der Ortsname, der sich vom altslawischen lo(n)ce, „auf der Wiese“, herleitet. Als liunze in montanis, „Lunz in den Bergen“, wird der Ort 1203 erstmals urkundlich erwähnt, wirtschaftliche Bedeutung erlangt er jedoch erst im Spätmittelalter durch die Eisenverarbeitung und den Eisenhandel. Diese/r verlor ab 1800 langsam an Bedeutung, an seine Stelle trat der Fremdenverkehr. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war Lunz ein stark besuchter Fremdenverkehrsort und selbst in der wirtschaftlich schwierigen Zwischenkriegszeit war der Ansturm groß. Seit im Jahr 1932 im Grünloch, einer Doline am Dürrenstein auf 1.270 Metern, eine Temperatur von -52,6 °C gemessen wurde, gilt Lunz als Kältepol.

Anlässlich der Markterhebung im Jahr 1956 wurde Lunz am See ein Wappen verliehen. Vorlage dafür war jenes der Familie Amon.

Die extremen Verhältnisse im Grünloch weckten einige Jahre später auch das Interesse der Nazis, die hier Fahrzeugmotoren für den Russlandfeldzug testeten. Auf dem Seegelände der 1905 gegründeten Biologischen Station – seit 2003 Standort des WasserClusters, ein interuniversitäres Forschungszentrum für aquatische Ökosysteme – befand sich ein Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend, dessen Lagerführer in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges an in der Gegend um Lunz verübten Gräueltaten mitverantwortlich waren. Der Fremdenverkehr blieb auch nach dem Krieg der wichtigste Wirtschaftszweig für Lunz. Das größte touristische Kapital des Orts waren stets der See und die Bergwelt. Der einzige Natursee Niederösterreichs lockt bis heute mit einem Seebad, der Boots- und Schifffahrt, der Seebühne und der Möglichkeit eiszulaufen, wenn der See im Winter zufriert, was in den letzten 110 Jahren 108 Mal der Fall war.

Die höchste Erhebung in der Gemeinde ist der 1.878 Meter hohe Dürrenstein, der im Zentrum des gleichnamigen Wildnisgebietes liegt. Rund die Hälfte dieses Schutzgebietes wurde kürzlich zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt, in Lunz wird ein Weltnaturerbezentrum entstehen. Die Vorbereitungen für dieses, informiert Bürgermeister Martin Ploderer, seien schon sehr weit, der Baubeginn werde im Frühjahr erfolgen. Neben einer Ausstellung, die Besuchern die Schönheiten des Wildnisgebietes näherbringen soll, wird das Zentrum auch den Alpenverein und das Tourismusbüro der Gemeinde beherbergen. „Für uns ist das Weltnaturerbezentrum eine Win-win-Situation“, freut sich Ploderer.

Bürgermeister Martin Ploderer: „Wir leben in einer einzigartigen Natur- und Kulturlandschaft und werden versuchen, diesen besonderen Status durch sanften Tourismus zu nutzen und bewahren.“

Es werde Gäste bringen und durch seine Errichtung an der Stelle eines vor Jahren begonnen aber nie vollendeten Hotelbauprojekts außerdem ein Schandfleck im Ortsbild ausgemerzt. Mit dem Zentrum soll auch die erfolgreiche touristische Zusammenarbeit der Gemeinden im Ybbstal fortgeführt werden. Dieser ist bereits die Realisierung des Ybbstalradweges zu verdanken, dessen 55 Kilometer langes Kernstück zwischen Waidhofen und Lunz diesen Juni eröffnet wurde.

Man habe auf 15.000, vielleicht 20.000 Radfahrer im ersten Sommer gehofft, es waren schlussendlich 40.000, zeigt sich das Gemeindeoberhaupt begeistert. Auch im bei Radfahrern sehr beliebten Zellerhof bestätigt man, dass der Radweg spürbar mehr Gäste gebracht hat. In Lunz, so Ploderer, wolle man keinen Massen-, sondern sanften Tourismus – Sommerfrische, die sich durch viele kleine aber feine Angebote wie den Ybbstalradweg und das Weltnaturerbezentrum auszeichne.

Fotos: Marktgemeinde Lunz am See