Ramsau: Evangelische Hochburg und Langlaufmekka am Dachstein

Die Gemeinde am Fuße des höchsten Berges der Steiermark ist für seine protestantisch geprägte Geschichte und als Fremdenverkehrsort sowie Zentrum des nordischen Sports bekannt.

Mit seinen etwas mehr als 75 Quadratkilometern und den rund 2.800 Einwohnern reiht sich Ramsau am Dachstein zwar weder in puncto Fläche noch Bevölkerung unter die größten Kommunen des Bezirks Liezen, geschweige denn der Steiermark, ein, liegt aber dafür in anderen Rankings, beispielsweise beim Vergleich von Tourismuskennzahlen wie der Nächtigungsdichte, im absoluten Spitzenfeld. Die Geschichte der Gemeinde reicht weit zurück. Die Almen des Dachsteinmassivs wurden bereits vor über 3.500 Jahren, also in der Bronzezeit, bewirtschaftet, eine spätantike Höhensiedlung auf der Knallwand zeugt von römischer Besiedlung.

Blick auf Ramsau mit dem Dachsteinmassiv im Hintergrund. Die Gemeinde liegt auf einem südexponierten Hochplateau auf über 1.000 Metern Seehöhe.

Im Frühmittelalter siedelten erst Slawen und später Baiern in der Ramsau, um 1120 wird der Ort als Ramsowe in Aufzeichnungen der Erzabtei des Salzburger Benediktinerstifts St. Peter erstmals urkundlich erwähnt. Das wohl bedeutendste Kapitel in der Geschichte der Gemeinde ist die Zeit der Reformation und Gegenreformation. Durch sächsische Bergknappen gelangten die Lehren Martin Luthers bereits früh im 16. Jahrhundert ins Obere Ennstal und fielen auch in Ramsau auf fruchtbaren Boden. Bald setzte jedoch die von der katholischen Kirche und den Habsburgern mit aller Härte betriebene Gegenreformation ein. Protestantische Bücher wurden verboten, Anhänger der Reformation zwangsbekehrt oder gezwungen, das Land zu verlassen. Für die Ramsauer evangelischen Glaubens begann mit Ende des 16. Jahrhunderts so eine rund 200 Jahre lange Phase des Geheimprotestantismus. Während man sich nach außen hin rekatholisiert gab, las man im Verborgenen Lutherbibeln und andere protestantische Schriften, die von Salzträgern von Gosau aus in das Hochtal an der Südflanke des 2.996 Meter hohen Dachsteins geschmuggelt und in ausgeklügelten Verstecken aufbewahrt wurden, und traf sich an geheimen Orten wie dem Predigtstuhl zu Andachten.

Beim 1977 verliehenen Gemeindewappen wurden aufgrund der Grenzlage zu Oberösterreich und Salzburg die Farben Grün und Silber, die sich auch im Wappen der Steiermark finden, als unabdingbar erachtet. Der Adler versinnbildlicht die Landeshymne, die Lutherrose steht für die evangelische Geschichte der Gemeinde, die drei Spitzen für Dachstein, Torstein und Mitterspitz.

Wem der Besitz ketzerischer Bücher nachgewiesen werden konnte oder wer bei einer verbotenen Zusammenkunft erwischt wurde, musste mit drastischen Konsequenzen rechnen. Erst der Erlass des Toleranzpatents durch Kaiser Joseph II. im Jahr 1781 ermöglichte den sogenannten Akatholiken in den österreichischen Erblanden die Religionsausübung. 1782 erklärten sich in der Ramsau 127 von 130 Familien evangelisch. Bis heute ist die Gemeinde protestantisch geprägt. Rund 80 Prozent der Bevölkerung sind evangelisch – ein stolzer Wert im Vergleich zum gesamtösterreichischen, der nur bei etwa vier Prozent liegt. Und wenn am 23. September in der Grazer Heilandskirche Wolfgang Rehner in das Amt des Superintendenten der Evangelischen Kirche A.B. in der Steiermark eingeführt wird, blickt man mit Sicherheit auch von Ramsau aus mit Stolz in die Landeshauptstadt, war der 1962 im rumänischen Sibiu/Hermannstadt Geborene hier doch von 1996 bis 2014 als Pfarrer tätig. Im ausgehenden 19. Jahrhundert setzte in Ramsau eine touristische Entwicklung ein, die nur durch die beiden Weltkriege unterbrochen wurde. Als konkreter Beginn wird häufig das Jahr 1880 genannt, in dem die Austriahütte, die älteste bestehende Schutzhütte des Dachsteinmassivs und zugleich das höchstgelegene Museum der Steiermark, errichtet wurde. Weitere Meilensteine: die Erstbesteigung der Dachstein-Südwand 1909 und die Eröffnung der Pendelbahn auf den Dachsteingletscher 1969. 736.510 Nächtigungen, was in der Urlaubsregion Schladming- Dachstein Platz zwei hinter Schladming und in der Steiermark Platz drei hinter Schladming und Graz bedeutet. In puncto Nächtigungsdichte, die sich aus der Division der Anzahl der Nächtigungen durch jene der Einwohner ergibt, liegt die Gemeinde bundeslandweit sogar auf dem ersten Rang. Sommerund Wintersaison halten sich in der Gemeinde am Fuße des Dachsteins in etwa die Waage, anders als in Schladming oder Haus, wo die Nächtigungszahlen von November bis April doch deutlich höher sind. Im Winter frönt man in Ramsau zwar auch dem alpinen Skisport, bekannt ist der Ort aber v. a. als Langlaufmekka. 220 Loipenkilometer stehen zur Verfügung, hinzu kommen Sprungschanzen – ein Angebot, das nicht nur Hobbyläufer, sondern auch Spitzensportler zu schätzen wissen. Zahlreiche Langläufer, Biathleten und Kombinierer absolvieren jedes Jahr hier ihre Saisonvorbereitung. Regelmäßig – heuer am 22. und 23. Dezember – findet auch der Weltcup der Nordischen Kombination in der Ramsau statt. Nachdem man 1999 Austragungsort der Nordischen Skiweltmeisterschaft war und 2017 Special Olympics zu Gast hatte, träumt man in der Ramsau aktuell von Olympia 2026. Nachdem sich die Einwohner des Schweizer Kantons Wallis in einer Abstimmung kürzlich gegen Olympische Spiele in Sion ausgesprochen haben und somit der vermutlich stärkste Mitbewerber aus dem Rennen ist, haben sich die Chancen für Graz und Schladming und somit auch für Ramsau als Austragungsort der nordischen Disziplinen, deutlich erhöht.

„Wir sind Superintendent!“, so könnten die Gemeindenachrichten in Anlehnung an die legendäre Bild- Schlagzeile von 2005 demnächst titeln. Mit Wolfgang Rehner übernimmt im September ein langjähriger ehemaliger Ramsauer Pfarrer die Leitung der Evangelischen Kirche in der Steiermark.

In Ramsau hat man sein Interesse an einer Bewerbung in Form einer Absichtserklärung bekundet, denn Olympia würde wohl auch Investitionen in die nicht mehr ganz neuen Anlagen mit sich bringen. Im Sommer ist die Gemeinde am Fuße des Dachsteins Ausgangspunkt für Bergwanderungen sowie Klettertouren und lockt mit seinen zahlreichen Klettersteigen auch viele Anhänger dieser Alpinsportart an. Wer’s weniger sportlich mag, sich aber dennoch nach bergigen Höhen sehnt, steigt im Ortsteil Schildlehen in die Dachstein-Gletscherbahn und schwebt in wenigen Minuten auf 2.700 Meter, hoch zu Eispalast, Treppe ins Nichts und Co. Ein vielseitiges Erlebnis für Klein und Groß verspricht der Rittisberg, der im Mai mit neuen Attraktionen in die Saison gestartet ist. Die Fly-Line, eine Art Waldachterbahn, lässt einen nahezu geräuschlos durch die Baumkronen gleiten, beim Laserbiathlon ist eine ruhige Hand gefragt, neu ist auch ein E-Bike- Verleih. Bereits seit dem Vorjahr sorgt der neu eröffnete Höhenspielplatz für regen Besucherzuwachs und natürlich punktet der größte Erlebnisberg der Steiermark auch heuer mit bewährten Adventure-Angeboten wie dem Rittisberg Coaster, der allwetterfesten Sommerrodelbahn. Ein anderes Allwetterangebot, das Hallenbad, sollte eigentlich seit April saniert werden. Für die Revitalisierung hatten auch Einheimische und Gäste im Zuge eines Crowdfundings über 180.000 Euro gesammelt, weil aber die budgetierten Kosten vom mit der Planung beauftragten Architektenbüro deutlich überschritten wurden, beschloss der Gemeinderat das Aus des Projekts, das sich damit um vermutlich ein Jahr verschiebt. Im Sommer ist aber ohnehin der Freizeitpark Ramsau Beach mit seinem Moorsee am Fuße des Rittisbergs die bevorzugte Wahl.

Fotos: Gemeinde Ramsau