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Über den Tellerrand hinaus

Der Mensch ist, stammesgeschichtlich gesehen, ein Hordentier und braucht zum gedeihlichen Miteinander ein Regelwerk, das ihm, grob umrissen, sagt, was sein muss, was möglich ist und was nicht sein darf.

Die Ebenen der Rechts-, der religiösen und der moralischen Normen vertreten dabei durchaus unterschiedliche Positionen. Persönliche Einzelwünsche und -vorstellungen müssen sich dem Kollektivwohl der Gesellschaft unterordnen und umgekehrt ist die Entwicklungsrichtung der Gesellschaft die Summe der Beiträge und Einflussnahmen jedes einzelnen Mitglieds. Je größer und heterogener die Gemeinschaft, desto größer ist das Konfliktpotenzial.

Dass es trotzdem prinzipiell funktioniert, verdanken wir nicht etwa den jungen Gehirnstrukturen. Das Prinzip „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu“ ist in den entwicklungsgeschichtlich ältesten Regionen des menschlichen Gehirns tief verankert und genetische Aussteuer jedes einzelnen Menschen, egal welcher Konfession, welchem Kulturkreis oder welcher sozialen Schicht er angehört.

Dass der Mensch gelernt hat, seine Triebe zu beeinflussen, ist als besondere Kulturleistung zu sehen. Ethische Überlegungen haben unabhängig von der inhaltlichen Thematik grundsätzlich den Sinn, ein Gespür für unterschiedliche Wertvorstellungen zu entwickeln, Orientierungshilfen und Entspannung an den Berührungsflächen von Wertegemeinschaften zu bieten und qualifizierte Auseinandersetzungen und begründete Urteile möglich zu machen. Ethik ist ein Kompass, aber nicht das Ziel. Teilbereichsethiken versuchen Richtungsweisungen in speziellen Fragestellungen und so steht auch die Frage nach einer Jagdethik im Raum.

Jäger denken in Tages-, Jahresund Lebenszyklen und anders als „Natur-Liebhaber“ sind sie ganzheitlich „Natur-Verstehende“. Oberstes Prinzip des Jägers hat die Waidgerechtigkeit zu sein, die das gesamte gefühlte und gelernte Wissen um Verantwortungsbewusstsein und Anstand in der Jagd beinhaltet, ohne exakt nach Punkt und Beistrich ausformuliert worden zu sein. Jäger kümmern sich nicht zuletzt um leidensfähige Wesen und deren Zuhause und sie treffen im Spannungsfeld steigender Begehrlichkeiten am limitierten Lebensraum weitreichende, verantwortungsbewusste Entscheidungen im Dienste der (bewusst oder unbewusst meist nicht an tugendhafter Maßhaltung interessierten) Gesellschaft, sei es bei der Hintanhaltung von Seuchen, der Mitgestaltung von Lebensräumen oder bei der Produktion hochwertiger Nahrungsmittel.

Waidgerechte Jagd ist nachhaltige Jagd und als solche offiziell als agrarische Nutzungsform anerkannt. In der Jagd wird der Generationenauftrag sehr ernst genommen. Die thematisch umfassende, gründliche Aus- und Weiterbildung in Theorie und Praxis ist nicht zuletzt in diesem Sinn selbstverständlich. Auf Basis des Wissens um die Verantwortung für unsere Nachkommen betrachten wir Jäger unseren Lebensraum zuerst mit den Augen der Tiere, der Pflanzen und erst danach mit unseren eigenen und wir laden alle anderen Naturnutzer ein, diese Betrachtungsweise zum gemeinschaftlichen Wohl von Mensch, Tier und Lebensraum mit uns zu teilen.

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Andrea Rath, die Autorin dieses Beitrags, ist Biologin und Leiterin der Landesgeschäftsstelle des Steirischen Jagdschutzvereins. Sie beschäftigt sich u. a. mit Fragen der Jagdethik.

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