Hinterstoder: Tourismusgemeinde und Dorferneuerungspionier

Idyllisches Wanderparadies im Sommer, beliebtes Skigebiet im Winter – aber die von der beeindruckenden Kulisse des Toten Gebirges umrahmte Gemeinde im Stodertal ist nicht nur als Tourismusort, sondern auch für seine jahrzehntelange und im Vorjahr auch preisgekrönte nachhaltige Dorfentwicklung bekannt.

Mit knapp 150 Quadratkilometern Fläche ist Hinterstoder nach Molln die zweitgrößte Gemeinde des Bezirks Kirchdorf an der Krems. In puncto Bevölkerungszahl liegt man mit rund 900 Einwohnern hingegen lediglich im hinteren Drittel des Bezirksrankings. Das Amt des Bürgermeisters bekleidet seit 1991 Helmut Wallner. Er ist damit das längstdienende Gemeindeoberhaupt in der Geschichte von Hinterstoder, wird sich aber aller Voraussicht nach nächstes Jahr in den Polit-Ruhestand verabschieden. Nachhaltiger Ganzjahrestourismus Wie vielerorts liegen auch in Hinterstoder die Anfänge des Fremdenverkehrs im ausgehenden 19. Jahrhundert – die ersten Aufzeichnungen über Gästenächtigungen datieren aus dem Jahr 1890.

Impressionen aus Hinterstoder: Die spätbarocke Pfarrkirche wurde im ausgehenden 18. Jahrhundert errichtet, das Alpineum, ein preisgekrönter Museumsbau, entstand mehr als 200 Jahre später. Viele Millionen Jahre mehr am Buckel hat die beeindruckende Bergwelt des Stodertals, die sich am Tag unseres Besuchs nebelverhangen präsentierte.

Die Fertigstellung des letzten Abschnitts der Pyhrnbahn 1906 bescherte der Gemeinde einen kräftigen Schub in ihrer touristischen Entwicklung, auch wenn der Bahnhof elf Kilometer vom Ortszentrum entfernt liegt. Lange Zeit v. a. als Wintersportort bekannt, ist man mittlerweile Ganzjahres-Urlaubsgemeinde. Diese steht als Mitglied des 2006 aus zwei EU-Projekten hervorgegangenen Zusammenschlusses Alpine Pearls für nachhaltigen, umweltfreundlichen Tourismus.

1967 wurde der Gemeinde das Recht zur Führung eines Wappens erteilt. Über stilisierten Bergspitzen findet sich eine mit einem Kreuz besteckte gestürzte Mondsichel – das Wappenschild des ehemaligen Kollegiatstifts Spital am Pyhrn, das in Hinterstoder als Grundherrschaft einst bedeutenden Besitz hatte.

Bei den insgesamt 23 „Perlen“ handelt es sich um Urlaubsorte in den Alpen, die ihren Gästen dank ausgeklügelter Mobilitätslösungen – z. B. Hinterstoders Tälerbus – einen Urlaub ohne Auto ermöglichen. Wandern und Klettern Präsentiert sich der Mai wettertechnisch nicht gerade wie heuer von seiner schlechten Seite, dann beginnt im Wonnemonat für gewöhnlich der Bergsommer im Stodertal, das Wanderfreunde mit seinem über 200 Kilometer langem Wegenetz begeistert.

In Fließ in Tirol wurde Hinterstoder im September des Vorjahres der „Europäische Dorferneuerungspreis“ verliehen. Die Stodertal-Gemeinde hatte sich gegen 23 Konkurrenten aus ganz Europa durchgesetzt.

Breit das Angebot in Hinterstoder, das vom kurzen Spaziergang zum Ursprung des Steyr-Flusses bis hin zur mehrstündigen Bergtour auf den Großen Priel reicht. Wer die mit 2.515 Metern höchste Erhebung des Toten Gebirges lieber erklettern möchte, dem sei der neue Priel-Klettersteig empfohlen. Mit einer Länge von 2.130 Metern und 900 Höhenmetern ist er der längste durchgängige Klettersteig Österreichs. Rund fünfeinhalb Stunden ist man vom Einstieg unweit des Prielschutzhauses – eine Nächtigung in der Hütte ist empfehlenswert, um am nächsten Tag früh und ausgeruht mit der Durchsteigung beginnen zu können – bis zum Gipfel unterwegs. Winterliches Alpinvergnügen Am ALPRIMA Aparthotel, das mitten in Hinterstoder entsteht, wird derzeit fleißig gearbeitet, immerhin soll die 330-Betten- Anlage schon am 7. Dezember eröffnet werden.

Der Priel-Klettersteig ist der längste durchgängige Klettersteig Österreichs. Am 20. Juni wird er mit einer Feier beim Prielschutzhaus offiziell eröffnet.

Die zusätzlichen Betten kann Hinterstoder auch gut gebrauchen, gastiert hier im kommenden Winter doch zum zehnten Mal der Ski-Weltcup. Auf der nach Hannes Trinkl – der ehemalige Skirennläufer und Weltmeister von 2001 startete seine Karriere beim SC Hinterstoder – benannten Weltcupstrecke auf der Höss wird 2020 am 29. Februar ein Herren-Super-G und am 1. März ein Herren-Riesentorlauf ausgetragen. Noch keinen Fertigstellungstermin gibt es für die Verbindung der Skigebiete von Hinter- und Vorderstoder. Gegenwärtig befinde man sich in der Planungsphase, informiert Bürgermeister Wallner, der schätzt, dass diese etwa zwei Jahre in Anspruch nehmen werde. Während das Projekt in seiner Gemeinde relativ unumstritten und seit Längerem beschlossene Sache war, sträubte man sich in Vorderstoder dagegen. Erst im Februar segnete auch der dortige Gemeinderat die Verbindung mit einer knappen Mehrheit ab. Für die Vorbehalte in der Nachbargemeinde hat Wallner wenig Verständnis. Die Gegner seien größtenteils Pensionisten, Leute mit Zweitwohnsitz oder solche, die ihr Geschäft nicht im Tourismus machen.

Der Schiederweiher wurde im Herbst vergangenen Jahres in der ORFShow „9 Plätze – 9 Schätze“ zum schönsten Platz Österreichs gekürt. Der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert von K.-u.-k.-Hofbaumeister Johann Schieder angelegte Stausee wird auch als „Perle des Stodertals“ bezeichnet.

Da könne man leicht überall dagegen sein, meint der Ortschef, der selbst einen Beherbergungsbetrieb führt. Auf einen ähnlich positiven Ausgang hofft Wallner auch in der Frage des künftigen Standorts der Talstation der Hössbahn. Die Hinterstoder-Wurzeralm Bergbahnen möchten diese an den Ortsrand verlegen, die Gemeinde würde einen Verbleib im Ortszentrum favorisieren. Alles spreche dafür, so der Bürgermeister, das würde auch eine in Auftrag gegebene Studie belegen. Es gebe auch ein passendes Grundstück für einen Neubau im Ort. „Wir werden auch die nötigen Gemeinderatsbeschlüsse fassen, aber zuerst hoffe ich, dass sie einmal mit uns reden“, klagt Wallner über mangelnde Kommunikationsbereitschaft seitens der Bergbahnen. Dorferneuerung Für die Ortskernentwicklung wäre der Verbleib der Höss-Talstation im Zentrum essenziell, ist diese doch ein wichtiger Frequenzbringer. Und Ortskernentwicklung bzw. Dorferneuerung, das ist ein großes Thema in Hinterstoder. Seit seinem Amtsantritt bemühe man sich, den Ort systematisch voranzubringen, berichtet Wallner.

Seit beinahe 30 Jahren lenkt Helmut Wallner als Bürgermeister die Geschicke der Gemeinde Hinterstoder. „Aber nächstes Jahr werde ich aufhören“, verrät er. Und schickt ein „wahrscheinlich“ hinterher.

Das erste Dorferneuerungsprojekt war die Neugestaltung der Ortsdurchfahrt, das Ausstellungshaus Alpineum schaffte es 2000 sogar in die Endauswahl für den europäischen Museumspreis, der schlussendlich aber ans Guggenheim- Museum im spanischen Bilbao ging. Und ohne die Hösshalle, so der Bürgermeister, gebe es keinen Ski-Weltcup in Hinterstoder. Bereits 2000 kam die Gemeinde im Bewerb um den „Europäischen Dorferneuerungspreis“ unter 32 Gemeinden in die engere Auswahl, musste sich aber schlussendlich dem niedersächsischen Kirchlinteln geschlagen geben. Nicht so 2018. Im September des Vorjahres durfte man den begehrten Preis entgegennehmen. „Und nächstes Jahr werden wir dann die Preisverleihung ausrichten. Da kommen über 30 Orte und um die 1.200 Leute aus ganz Europa für mehrere Tage zu uns nach Hinterstoder“, freut sich Wallner schon jetzt. Und vielleicht wählt das Langzeit-Gemeindeoberhaupt ja dieses Highlight als Zeitpunkt, um in den angekündigten Polit-Ruhestand zu gehen.

Fotos: Gemeinde Hinterstoder, Bruno Sulzbacher, Alpinverlag – bergsteigen.com, @schöcklblickkamera, Karl


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