Weyer: Das „Güldene Märktl“ im oberösterreichischen Ennstal

Weyer war einst florierendes Zentrum des Eisenwesens, später bedeutender Fremdenverkehrsort, bäckt heute jedoch wirtschaftlich und touristisch kleinere Brötchen und hofft auf die baldige Umsetzung der Tunnelumfahrung, die das Ortszentrum vom Verkehr entlasten soll.

Das barocke Weyer ist Hauptort der gleichnamigen Marktgemeinde, die mit über 223 Quadratkilometern Fläche hinter dem lediglich sieben Quadratkilometer größeren Grünau im Almtal die zweitgrößte oberösterreichische Kommune ist. Rund 4.200 Einwohner leben in den Ortschaften Weyer, Kleinreifling und Unterlaussa. Letztere liegt genau an der Landesgrenze und besteht aus einem oberösterreichischen und einem zur steirischen Marktgemeinde St. Gallen gehörenden Teil. Bürgermeister ist seit der Wiedervereinigung von Weyer- Markt und Weyer-Land zu einer Gemeinde im Jahr 2007 Gerhard Klaffner (SPÖ), der dieses Amt zuvor bereits zehn Jahre lang in Weyer-Markt bekleidete.

Die Marktgemeinde Weyer führt die Wappen der ehemaligen Gemeinden Weyer-Markt und Weyer-Land nebeneinander angeordnet. Ersteres bezieht sich im unteren Teil auf die Sage von Weyer, der Flößerhaken im Wellenbalken und die Blitze in zweiterem symbolisieren die Nutzung der Enns in alter und neuer Zeit – Flößerei und Stromerzeugung aus Wasserkraft.

Der Sage zufolge befand sich an der Stelle des heutigen Marktes vor langer Zeit ein vom aufgestauten Gaflenzbach gebildeter Weiher. Eines Tages zerstörten Biber den Damm, das Wasserfloss ab, der Talgrund wurde trockengelegt und so die Gründung von Weyer möglich. Wie in vielen Sagen steckt auch in dieser ein Körnchen Wahrheit – es gibt geologische Hinweise auf einen eiszeitlichen See, der einst den ganzen Weyrer Boden bedeckte. Der Ortsname leitet sich vermutlich von diesem Gewässer ab, der Biber im Wappen verweist auf die Entstehungssage. Die erste urkundliche Nennung des Orts datiert aus dem 13. Jahrhundert. Im Jahr 1259 wurde die ecclesia Sti. Johannis in piscina, die „Kirche des heiligen Johannes in Weyer“, geweiht – die erste Erwähnung erfolgte also auf Lateinisch. In einer Neubestätigung des Wochenmarktes 1390 – Weyer war zu diesem Zeitpunkt also bereits Markt, der Zeitpunkt der Erhebung ist jedoch nicht bekannt – findet sich die Bezeichnung „markht Weyr“ und damit erstmalig das deutsche Toponym.

Der Biber aus der Entstehungssage des Orts findet sich auch als Figur – 1838 vom Weyrer Künstler Josef Gabriel Frey geschaffen – am denkmalgeschützten Biberbrunnen am Marktplatz. Kuriosum: Obwohl eigentlich ein reiner Pflanzenfresser, trägt der Biber einen Fisch im Maul. Außerdem ist der Schwanz nicht abgeflacht, sondern drehrund.

Das Jahr 1418 markiert die Anfänge eines traditionsreichen Betriebs aus Weyer, nämlich jene des Familienunternehmens Hofer-Kerzen. Noch bevor Amerika entdeckt und der Buchdruck erfunden wurde, zeugt eine Urkunde vom ersten Wachskerzenzieher am heutigen Firmenstandort. 1823 erwarb sodann Rupert Hofer diese Wachszieherei. Mittlerweile wird Hofer-Kerzen in sechster Generation von Herbert Hofer geleitet und ist österreichischer Marktführer bei Friedlichtern und Gastronomiekerzen. Eisenhandel und Hammerwesen brachten im 15. und 16. Jahrhundert Reichtum und Weyer den Namen „Güldenes Märktl“ ein. Der Ort musste in dieser Zeit aber auch Rückschläge wie die Plünderung durch eine türkische Streifschar im Jahr 1532 einstecken. Weyer ist damit nach Schloss Losensteinleiten in der Gemeinde Wolfern, das im selben Jahr von derselben osmanischen Streifschar belagert wurde, der am weitesten westlich gelegene Ort, den die Türken heimsuchten. Im 16. Jahrhundert gelangte auch reformatorisches Gedankengut ins südliche Oberösterreich und viele Weyrer wurden protestantisch.

Mitarbeiter des Weyrer Traditionsbetriebs Hofer-Kerzen im Jahr 1931 vor der Wachsbleiche. Als Wachsbleiche wird sowohl das Verfahren, im Zuge dessen aus dem gelben Bienenwachs Bleichwachs für weiße Kerzen, als auch das Gebäude, in dem dieses Verfahren durchgeführt wird, bezeichnet.

Die repressiven Maßnahmen der Gegenreformation veranlassten infolge viele Bürger, nach Deutschland auszuwandern. Der Niedergang des Eisenwesens und wiederholt die Pest setzten Weyer im 17. Jahrhundert zu. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert kamen der Österreichische Erbfolgekrieg bzw. die Napoleonischen Kriege dem Markt teuer zu stehen. 1897 kam es zur Teilung in Weyer-Markt und Weyer- Land, die Wiedervereinigung erfolgte, wie bereits erwähnt, erst 2007. Der Anschluss an das Eisenbahnnetz der Kronprinz-Rudolf- Bahn 1872 trug zur Entwicklung des Tourismus bei, der bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs große Bedeutung erlangte. Während man um die Jahrhundertwende als drittbedeutendster Fremdenverkehrsort Oberösterreichs galt und sogar Kronprinz Rudolf seine Sommerfrische in Weyer verbrachte, scheint man im Tourismusjahr 2017 nicht einmal unter den 20 ankunfts- und nächtigungsintensivsten Gemeinden des Bundeslandes auf.

Das Egererschloss, 1560 vom Hammerherrn Wolf Egerer errichtet, beherbergt seit 1981 die Landesmusikschule Weyer und wird als Veranstaltungszentrum genutzt.

Nächtigungen bringt heute v. a. das Rehabilitationszentrum der PVA, touristisch von Bedeutung sind aber auch Veranstaltungen wie der Powerman Duathlon, der nach einer Pause im Vorjahr heuer in seiner 21. Auflage vom 17. bis 19. August wieder über die Bühne ging. Die Sieger: Der Däne Søren Bystrup, der nach 2013 dieses Jahr erneut gewinnen konnte, sowie die Österreicherin Sandrina Illes, die als amtierende Duathlonweltmeisterin als große Favoritin ins Rennen gegangen war. Obwohl ein großer Erfolg, ist die Finanzierung und somit auch die Ausrichtung des Bewerbs im nächsten Jahr jedoch durch die seit Jahresbeginn in Oberösterreich geltende „Gemeindefinanzierung neu“ gefährdet. Bürgermeister Gerhard Klaffner verspricht jedoch: „Es wird Gespräche geben mit dem Land Oberösterreich und dann werden wir sehen, wie weit man in Linz zum südlichsten Teil Oberösterreichs steht.“ Während noch unklar ist, wie man in der Landeshauptstadt zur Powerman-Finanzierung steht, ist die Lage in puncto Tunnelumfahrung Weyer klarer.

Bürgermeister Gerhard Klaffner: „ Natürlich behauptet jeder Bürgermeister, dass es bei ihm wunderschön ist, aber wenn ich beispielsweise auf meiner Terrasse stehe, habe ich den Kreuzberg, den Almkogel, den Ennsberg und das Rapoldeck vor mir, dazu die Ruhe und die gute Luft. Wir leben hier wirklich im Paradies!“

Es würde diesbezüglich „nicht schlecht“ aussehen, berichtet Klaffner und zitiert eine Sachverständige: „Würde die Umfahrung Weyer nicht gebaut werden, das wäre kein Schildbürgerstreich, das wäre ein Verbraten von Millionen!“ Seit 1949 fordert man in der Gemeinde eine Ortsumfahrung und diskutiert Möglichkeiten. In den 1960er-Jahren hat man sogar schon einmal damit begonnen, Liegenschaften abzulösen. Aktuell werde gebohrt, vermessen und geplant, erneut werden Liegenschaften abgelöst und geschliffen. Die Vorbereitungen, so der Bürgermeister, werden so weit vorangetrieben, dass mit der endgültigen Entscheidung für die Umfahrung sofort die Bagger auffahren können. Beim Dorfzentrum Kleinreifling ist man bereits weiter.

Das Ennskraftwerk Weyer ist eines von 14 Kraftwerken der Ennskraftwerke AG. Seine Inbetriebnahme erfolgte 1969, es erzeugt u. a. Strom für das Bahnnetz der ÖBB.

Nachdem der Generalübernehmer die Gemeinde diesen Mai informiert hatte, dass der genehmigte Kostenrahmen von 1,8 Millionen Euro zu eng kalkuliert sei, wurde man beim Land vorstellig, das eine Anpassung in Aussicht stellte. Dazu kam es auch, die Kostenobergrenze wurde auf 2,1 Millionen erhöht, seit 27. August laufen die Arbeiten am Dorfzentrum, das neben einem Veranstaltungssaal auch über einen Musikprobenraum verfügen wird. Dass in einem Ortsteil mit nur ca. 600 Einwohnern ein solches Projekt realisiert werde, sei natürlich toll, freut sich Klaffner für die Kleinreiflinger, aber nicht selbstverständlich. Das Dorfzentrum sei eine Zusage aus dem Jahr 2007, die im Rahmen der Gemeindezusammenlegung gegeben worden sei, erklärt der Bürgermeister.

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