Ich bin Idealistin – mit meiner Arbeit möchte ich einen Impact leisten
Katja Maierhofer ist mit dem Stiftsgymnasium Admont aufgewachsen – zunächst als Schülerin, später als Lehrerin. Als Idealistin möchte sie vor allem eines: mit ihrer Arbeit etwas bewirken. Und wo könnte das nachhaltiger gelingen als in der Begegnung mit jungen Menschen? Mit gerade einmal 32 Jahren steht sie nun als erste Frau an der Spitze der fast 400-jährigen Bildungseinrichtung im Stift Admont.
LBN: Sie waren selbst Schülerin des Stiftsgymnasiums. Wenn Sie heute durch das Schulgebäude gehen: Was sehen Sie mit den Augen der Direktorin und was sehen Sie noch immer mit den Augen des Mädchens, das hier selbst zur Schule gegangen ist?
Katja Maierhofer: Ich sehe jetzt die Menschen: die Schülerinnen und Schüler und das Kollegium. Gerade wenn der Alltag stressig wird, sind es die Menschen, die einen daran erinnern, warum sich die eine oder andere Überstunde am Ende ja doch lohnt. Die Neugier in den Gesichtern der Schülerinnen und Schüler. Zu spüren, dass sie sich hier wohlfühlen. Ihre Entwicklung mitzuerleben und gleichzeitig zu sehen, wie sich Lehrerinnen und Lehrer tagtäglich für sie engagieren. All das sehe ich heute mit den Augen der Direktorin und es macht mich stolz, diesem Team vorstehen zu dürfen. Mit den Augen der Schülerin von damals sehe ich die mittlerweile nur noch winzigen Details, die sich seit meiner Schulzeit baulich nicht verändert haben. Ich muss schmunzeln, wenn ich mich daran zurückerinnere, wie ich einst mit der Theatergruppe auf der Bühne im großen Festsaal gestanden bin. Heute stehe ich wieder oft dort – allerdings als Direktorin bei verschiedenen Zusammenkünften. Der Blick in den Saal ist immer noch derselbe wie damals.

Stift Admont begleitet Sie inzwischen durch mehrere Lebensphasen – als Schülerin, Lehrerin, Wissenschaftlerin und nun als Direktorin. Wann wurde Ihnen bewusst, welche besondere Bedeutung dieser Ort für Sie persönlich hat?
Die Bedeutung dieses Ortes reicht für mich noch weiter zurück als bis zu meiner Schulzeit, weil ich auch familiär viel mit dem Stift verbinde. Durch Familienmitglieder, die im Stift tätig waren, habe ich schon früh mitbekommen, dass dieser Ort mehr als ein Arbeitsplatz ist. Ich habe gemerkt, dass zwischen den Menschen, die dort arbeiten, echter Zusammenhalt herrscht und dass den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Wertschätzung entgegengebracht wird. Für mich selbst ist es besonders, dass hier in so vielen Bereichen Exzellenz herrscht, wie man sie im ländlichen Umfeld nur selten findet: Sei es im Hinblick auf die wissenschaftliche Arbeit und das Museum, die Vielfalt der betrieblichen Landschaft oder eben die Vertiefungsmöglichkeiten am Gymnasium.
Ihre berufliche Laufbahn ist von großer Wissbegier geprägt: Germanistik, die Lehramtsfächer Deutsch, Latein und Mathematik, ein Doktoratsstudium, Forschungsaufenthalte in Ungarn und den USA und schließlich Ihre wissenschaftliche Arbeit im Stiftsarchiv. Woher kommt diese Neugier?
Meine Neugier kommt aus dem Stiftsgymnasium (lacht). Ich hatte das Glück, Lehrerinnen und Lehrer zu haben, die mich gefordert und mir immer wieder neue Ansätze gegeben haben, über die Welt nachzudenken. Im Studium war es für mich sehr bereichernd, völlig unterschiedliche Bereiche kennenzulernen. Das hat mir das Lernen nicht nur erleichtert, weil das Hirn Abwechslung bekommt, sondern mich auch dazu motiviert, das Vorgetragene zu hinterfragen.
In den Mauern des Stiftes Admont waren schon viele Generationen junger Menschen auf der Suche nach ihrem eigenen Weg. Wie kann Schule Jugendliche in der heutigen, schnelllebigen Welt dabei unterstützen, herauszufinden, wer sie sind und wohin sie wollen?
Mit ehrlichem und aufrichtigem Interesse an den jungen Menschen und ihren Fragen erreicht man sie und stellt eine Vertrauensbasis her. In dieser können sie sich viel leichter darauf einlassen, Dinge auszuprobieren, die vielleicht nicht automatisch in ihrer Komfortzone oder im ihnen Bekannten liegen. Es ist uns wichtig, als Schule ein Gegenprogramm zur digitalen Reizüberflutung anzubieten. Durch die Entschleunigung und den Raum zur Reflexion, aber auch durch die Interaktion mit anderen erkennt man die eigenen Stärken oft viel klarer und entdeckt Interessen, die keine Suchfunktion der Welt aufgespürt hätte.
Seit 1644 gibt es im Stift Admont ein Gymnasium, der Bildungsauftrag des Stiftes reicht sogar bis zur Gründung im Jahr 1074 zurück. Was bedeutet es für Sie als erste weibliche Schulleiterin, ein Haus mit einer derart langen Geschichte in die Zukunft führen zu dürfen?
Dass die Menschheit auf dem Weg ist, nicht mehr darüber nachzudenken, ob bestimmte Positionen Männer oder Frauen vorbehalten sein sollten. Das bedeutet es für mich als Frau. Wenn man bedenkt, dass die meisten Leiter der Schule natürlich aus dem Konvent kamen, bedeutet meine Bestellung auch eine Öffnung und eine wichtige Signalwirkung im Hinblick auf die Offenheit klösterlicher Institutionen. Ich habe großen Respekt vor der Tradition, die hinter mir liegt, aber auch vor der langen Reihe von Nachfolgerinnen und Nachfolgern, die nach mir kommen werden. Für sie soll es selbstverständlich sein, dass diese Schule auch von einer jungen Frau geleitet werden kann.
Das Stiftsgymnasium bietet heute sprachliche, naturwissenschaftliche, musische und sportliche Schwerpunkte. Wie wertvoll ist Vielfalt für Sie?
Ich denke, man kann es schon an meiner Biografie ablesen, dass mir Vielfalt sehr viel bedeutet (lacht). Das liegt natürlich sowohl in der DNA unseres Schultyps als auch in jener des Stiftes Admont. Nicht umsonst lautet der stiftische Werbeslogan: „Erlebe die Vielfalt.“ Als allgemeinbildende höhere Schule sind wir ein Multitalent. Die unterschiedlichen Kompetenzen und Charaktere im Lehrerkollegium waren für mich immer schon ungemein bereichernd. Bei uns ist jeder Fachbereich in puncto Qualität auf Augenhöhe mit den anderen. Aber auch die Vielfalt der Menschen ist mir extrem wichtig. Je mehr unterschiedliche Biografien, Hintergründe und Herkünfte zusammenkommen, desto bereichernder ist das für die gesamte Gemeinschaft. Natürlich nur, wenn im Gewirr der Stimmen niemand untergeht. Und das sehe ich sehr wohl als meine Aufgabe als Direktorin: bei unterrepräsentierten Gruppen gegenzusteuern.
Sie haben das österreichische Schulsystem aus den unterschiedlichsten Perspektiven erlebt. Was hat Sie dabei überzeugt und wo denken Sie sich manchmal: Das müsste eigentlich längst anders sein?
Österreich ist noch immer eines der Länder im OECD-Vergleich, in denen die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler einen überdurchschnittlich hohen Einfluss auf ihren Bildungserfolg ausübt. Die Laufbahn in einem bestimmten Schultyp sollte stärker an Leistungsbereitschaft und Kompetenzen geknüpft sein und weniger an den sozioökonomischen Status der Eltern. Unsere Bildungspolitik hat über Jahrzehnte dazu beigetragen, das Gymnasium als besonders privilegierten Bildungsweg zu positionieren. Dadurch haben sich in anderen Schultypen teilweise Rahmenbedingungen entwickelt, in denen der Schulalltag mit höheren sozialen und pädagogischen Herausforderungen verbunden ist. Auch als Gymnasialdirektorin muss man ein ehrliches Interesse an Maßnahmen haben, die für mehr Chancengerechtigkeit sorgen.
Die Jugendlichen von heute werden teilweise in Berufen arbeiten, die es derzeit noch gar nicht gibt. Wie bereitet man junge Menschen am besten auf eine Zukunft vor, die niemand genau kennt?
Indem man ihnen jene Fähigkeiten vermittelt, die man einer KI nicht antrainieren kann: Kreativität, soziale Intelligenz und kritisches Denken. ◻
Fotos: Christoph Draxl; LBN-Collage: Foto Sulzer, marco leo/stock.adobe.com