In einem Tal vor unserer Zeit
Auf Initiative des Vereins zur Bewahrung des alten Wissens der Sölktäler wurde im Oktober 2025 das alte Mesnerhaus in St. Nikolai als Museum für das traditionelle Leben im Sölktal eröffnet. Wir lauschten den Erzählungen von Balthasar Stückelschwaiger aus Mößna über die Zeit, als das entlegene Tal noch ohne Strom war.
Balthasar Stückelschwaiger –
ein Leben verwurzelt am Trimelhof.In einer kalten Jännernacht im Jahr 1941 erblickt Balthasar Stückelschwaiger in der Stube seiner Eltern am Trimelhof in Mößna das Licht der Welt. Ein Pferdeschlitten wurde über den beschwerlichen, 14 Kilometer langen Weg nach der Hebamme in Stein an der Enns geschickt. Gerade noch rechtzeitig erreicht sie den alten, für die damalige Zeit typischen Streuhof auf knapp 1000 Meter Höhe. Hurtig wird die Frauenhelferin ins Haus geleitet. Die einzige Lichtquelle in der dunklen Stube mit dem Herrgottswinkel ist eine Petroleumlampe an der Wand. Gott sei gesegnet, der Knabe ist stark und wohlauf.
Balthasar soll er heißen.
Leben als Selbstversorger
Balthasar Stückelschwaiger wuchs als eines von elf Kindern auf. Schon die Großeltern haben die Landwirtschaft betrieben, mit Rindern, Schafen und Ziegen, dazu Schweine und Hühner. Milch, Käse und Butter wurden erzeugt, ebenso das eigene Fleisch. „Die Leut‘ waren damals vollständige Selbstversorger. Nur Dinge wie Salz und Zucker wurden zugekauft.“
Ein großer Gemüsegarten lieferte unter anderem Kraut und Kartoffeln (von den Alten damals Grundnudeln genannt). Auch Korn und Hafer wurden angebaut, mit der Sichel wurde es geerntet und in der Gemeinschaftsmühle in Mößna gemahlen. Diese ist noch heute als Schaumühle zu besichtigen. Erst Anfang der 70er-Jahre war Schluss mit dem Getreideanbau auf dieser Höhe. „Heute braucht man den Bauernberuf nimmer zu fürchten, damals war alles schwere Handarbeit.“
Kindheit voller Arbeit
Im Alter von zehn Jahren wandte sich der Pate von Balthasar, dessen Ehe ohne Kindersegen geblieben war, an die Eltern und bat, den Buben eine Zeit lang zu sich nehmen zu dürfen. „Meine Eltern waren froh um jeden Mund weniger, den sie ernähren mussten“, erinnert er sich. Drei Jahre lebte er daraufhin vier Kilometer vom Elternhof entfernt im Hause des Holzknechts. Ein jüngerer Bruder wurde ebenfalls bei Bauern aufgenommen und verunglückte dort tödlich mit einem der ersten Traktoren, die es in der Sölk gab. Schon früh war Balthasar mit harter Arbeit vertraut. Mit der Sense stand er im Sommer am Feld, mit der Zugsäge half er bereits im Wald. Die Kindheit beschreibt er dennoch als eine schöne Zeit. „Mir ist es gut gegangen, es hat mir an nichts gefehlt.“ In der einzigen Klasse in der kleinen Schule in Mößna waren acht Jahrgänge zusammengefasst. Nach der Schule ging es weiter von Hof zu Hof. Zuerst in Niederöblarn, später in Ramsau am Dachstein und Altaussee. Nach seiner Dienstzeit beim Heer, in einer Tragtierkompanie in Landeck, kehrte er schließlich heim auf den
elterlichen Hof.
Bauernleben ohne Strom
Die Geschichte des Trimelhofs lässt sich bis 1699 zurückverfolgen. Im Bild die Eltern mit vier der Kinder und dem Onkel, der auch am Hof lebte.Der junge Balthasar wuchs in einer Zeit auf, da noch kein elektrisches Licht die Stuben erhellte. „Es woar ois mehra finsta“, sagt Stückelschwaiger. Ab 1954 kam der Strom ins Tal. „Die Einleitung konnte sich mein Vater aber erst 1957 leisten“, erzählt Stückelschwaiger von der Zeit, als die Wäsche noch im großen Brenttl, einem hölzernen Fass, über Nacht eingeweicht und am nächsten Tag mit der Waschrumpel geschlagen und gerieben wurde. Doch nicht jedes Kleid sah häufig Wasser. „Die Lodenhosen“, erzählt er schmunzelnd, „wurden nur selten gewaschen und auch die Gattihosen blieben länger in Gebrauch. Das Bedürfnis wurde im Plumpsklo hinter dem Haus verrichtet, mit Zeitungspapier. Auch fließend Wasser gab es erst spät im Haus – ab 1969 wurde es von einer Nachbarsquelle heraufgepumpt. Zuvor musste es mühsam, von der Quelle, etwas unterhalb des Hofes gelegen, herbeigeschafft werden. Dementsprechend mager fiel auch die Körperpflege aus. Dreimal im Jahr schnitt der Vater den Kindern mit einer Schermaschine eine Stoppelfrisur. „Mein Vater hatte im Alter keinen einzigen Zahn mehr, eine Prothese ließ er nie anfertigen. Er kaute alles mit dem Gaumen“, erzählt Stückelschwaiger und dass der Vater 98-jährig, geistig noch völlig fit, am Hof entschlief. „Geruht habe ich mit meinem Bruder in einer engen Kammer auf einem schmalen Lager aus Strohsäcken, später mit Maisstroh gefüllt, das etwas weicher war. „Eine richtige Matratze habe ich nicht gekannt.“ Die Kammern wurden von kleinen Öfen erwärmt, doch wenn der Winter tobte, drang der Schnee oft durch Ritzen und Fugen ins Haus. Häufig gingen Lawinen bis nahe an den Weg heran, 1971 war eine Lawine so gewaltig, dass das Tal eine Woche von der Außenwelt abgeschnitten war. „Es war ein hartes Leben“, sagt er, „doch wir kannten es nicht anders und hielten zusammen.“
Übernehmen und weitergeben
28-jährig heiratete Balthasar seine Brigitte. Als Brigitte an den Trimelhof zog, lebten dort damals insgesamt noch 11 Personen zusammen, die Übernahme erfolgte 1976. Auch Balthasar hat den Hof 2009 bereits an seinen Sohn Werner übergeben. Über die Jahre wurden Hof und Haus immer wieder ausgebaut. Heute hält die Familie noch Jungvieh, vier oder fünf davon kommen wie eh und je hinauf auf die mittlerweile renovierte Hütte auf der Knallalm. Im Sommer war dort früher die Mutter Sennerin, die jüngste Tochter als Halterin mit oben. „Der Werner kann fast alles, vom Schweißen bis zur Holzarbeit“, sagt Balthasar stolz über seinen Sohn. Aus der Ehe mit Brigitte gingen fünf Kinder, neun Enkelkinder und mittlerweile auch schon zwei Urenkel hervor. Immer noch kümmert sich Balthasar gerne um die Stallarbeit. Brigitte serviert uns freundlich ihre selbstgemachten Bauernkrapfen. Was sie den Jungen wünschen, fragen wir abschließend: „Das fia die Nachkommen auch noch zum Leben durt.“ ◻
Text: Christian König I Fotos: Archiv Balthasar Stückelschwaiger