Werner Schwab: Der Bürgermeister der Gemeinde Sölk im Interview
„Endlich Ruhe“ – mit diesem Slogan wirbt der Naturpark Sölktäler um seine Gäste. Kaum ein Motto könnte treffender sein. Denn das Sölktal setzt nicht auf große Inszenierungen, sondern auf das, was in einer immer hektischeren Welt zunehmend zum Luxus wird: Gelassenheit, Ursprünglichkeit und eine beeindruckende Naturkulisse. Bescheiden und unaufgeregt präsentiert sich die Gemeinde, obwohl sie Teil der dynamischen Tourismusregion Schladming-Dachstein ist.
Seit 2015 steht Werner Schwab an der Spitze der Gemeinde Sölktal, die im Zuge der Gemeindefusion aus St. Nikolai, Großsölk und Kleinsölk entstanden ist. Der 59-Jährige lenkt die Geschicke einer der flächenmäßig größten Gemeinden der Steiermark. Im Gespräch mit den LBN spricht er über knappe Budgets, die Bedeutung des Tourismus, den Ausbau der digitalen Infrastruktur und darüber, warum für ihn das starke Vereinsleben das größte Kapital des Tales ist.
LBN: Mit 289 Quadratkilometern ist die Gemeinde Sölktal die drittgrößte der Steiermark. Eine enorme Fläche bedeutet auch hohe Kosten für die Infrastruktur. Wie gelingt der finanzielle Spagat?
Werner Schwab: Unser Budget liegt bei rund 4,5 Millionen Euro. Derzeit beschäftigen wir 18 Mitarbeiter, was 13 Vollzeitstellen entspricht. Die finanziellen Spielräume sind kleiner geworden. In wirtschaftlich besseren Zeiten konnten wir uns deutlich mehr leisten. Wir sind stark von Bund und Land und deren Mittelverteilung abhängig. Da gäbe es einiges zu diskutieren. So wird etwa die Kommunalsteuer dort entrichtet, wo gearbeitet wird, und nicht dort, wo die Menschen ihren Lebensmittelpunkt haben. Dabei werden soziale und gesundheitliche Einrichtungen in erster Linie am Wohnort genutzt. Um alles am Laufen zu halten, braucht es jedenfalls eine große Portion Idealismus.
Die Gemeinde verfügt über keine großen Industriebetriebe. Ist der Tourismus die tragende Säule der Wirtschaft?
Wir haben mehrere erfolgreiche Kleinbetriebe im Gewerbe- und Dienstleistungsbereich, darunter Landmaschinen Zechmann, die Zimmerei Pilz, die Tischlerei Bartl, Sölker Marmor oder die Tischlerei Gamsjäger. Zusammen mit den landwirtschaftlichen Betrieben und dem Tourismus ergibt das eine gesunde und ausgewogene Wirtschaftsstruktur.
Der Slogan „Endlich Ruhe“ wird von Gästen als Qualitätsmerkmal verstanden. Oder möchten Sie lieber Ruhe vor den Gästen?
Ganz im Gegenteil. (lacht) Wir wollen zeigen, dass das Sölktal ein lebenswerter Ort ist, an dem man dem Alltag entfliehen kann. Tourismus muss mit der Region harmonieren. Unsere Struktur ist stark von der Landwirtschaft geprägt, und auch die Jagd spielt aufgrund der großen Reviere eine bedeutende Rolle.
Mit den Eigentümern der Jagdgebiete – den Familien Hartmann, Colloredo-Mannsfeld und Feltrinelli – verbindet uns eine gute Partnerschaft. Dass das Gebiet rund um den Schwarzensee touristisch genutzt werden kann, ist nur möglich, weil die Zusammenarbeit mit der Familie Colloredo-Mannsfeld hervorragend funktioniert. Die Gebühren für Parkplätze und Wegerhaltung halte ich für gerechtfertigt. Die Erhaltung kostet Geld – in Südtirol werden dafür wesentlich höhere Beträge verlangt.
Uns ist bewusst, dass an schönen Tagen hunderte Tagesgäste auf unseren Bergen und rund um den Schwarzensee unterwegs sind. Die Nächtigungen erfolgen vielfach im Raum Donnersbach bis Schladming. Deshalb ist die Region Schladming-Dachstein für uns ein Glücksfall. Als kleiner Tourismusverband hätten wir heute kaum noch Chancen. Die gemeinsame Vermarktung eröffnet ganz andere Möglichkeiten. Derzeit verzeichnen wir rund 23.000 Nächtigungen pro Jahr.
Der Sölkpass zählt zu den beliebtesten Motorradstrecken Österreichs und ist stark frequentiert. Wie passt das zur propagierten Ruhe?
Das ist tatsächlich ein Thema. Der Verkehr wird nicht weniger, sondern eher mehr. Der Lärm sorgt bei vielen für Unmut. Für die Motorradfahrer ist es Freizeitvergnügen, und viele sind auch rücksichtsvoll. Einige schwarze Schafe gibt es leider immer. Da es sich um eine Landesstraße handelt, haben wir keine rechtliche Handhabe. Wir haben einmal über eine Maut nachgedacht. Das hätte allerdings am Lärm, dem tatsächlichen Problem, nichts geändert.
Vor einigen Jahren war das Sölktal noch für seine Funklöcher bekannt. Wie steht es heute um die Digitalisierung?
Es war tatsächlich fast ein Markenzeichen, dass man vielerorts keinen Handyempfang hatte. Inzwischen ist die Bedeutung einer guten Versorgung erkannt worden. Selbst auf den Almen ist man dank Starlink gut angebunden. Kleinsölk wurde ausgebaut, auf dem ehemaligen Schulgebäude befindet sich mittlerweile ein Sendemast, der von drei Anbietern genutzt wird.
Der Glasfaserausbau hat im Herbst 2024 begonnen. Im Endausbau sind 894 Anschlüsse vorgesehen – das war zumindest der Stand im April. Die Gesamtkosten sind inzwischen von ursprünglich 176 auf rund 220 Millionen Euro gestiegen. Erstaunlich ist, dass ein Projekt für strukturschwache Regionen ausgerufen wurde und ausgerechnet die entlegenen Lagen aus Kostengründen teilweise nicht berücksichtigt werden.
In Gemeinden wie Schladming, Haus oder Gröbming sind die Wohnkosten stark gestiegen. Viele Einheimische können sich kaum noch Eigentum leisten. Ist das Sölktal von dieser Entwicklung verschont geblieben?
Zum Glück beobachten wir keine Abwanderung der jungen Generation. Viele bleiben im Tal, bauen aus, erweitern bestehende Häuser oder errichten neue Eigenheime – auch wenn die Baukosten massiv gestiegen sind. Das Thema Zweitwohnsitze beschäftigt uns ebenfalls. Die ehemalige Gemeinde St. Nikolai ist eine Vorbehaltsgemeinde, dort ist ein Hauptwohnsitz verpflichtend. Die Siedlungsgenossenschaft Rottenmann besitzt in Stein an der Enns noch eine Bauparzelle. Es gibt Überlegungen, dort Wohnraum zu schaffen.
Worauf sind Sie als Bürgermeister besonders stolz?
Ganz klar auf unser Vereinsleben. Mehr als 40 Vereine gibt es allein in unserer Gemeinde. Sie schaffen Zusammenhalt, fördern die Kommunikation und stärken das Miteinander. Dieses Engagement ist unbezahlbar und macht das Sölktal zu dem, was es ist.
Interview: Hartwig Strobl, Foto: Gemeinde Sölk
... zur Familie Feltrinelli
Als Grundeigentümer des riesigen Areals rund um den Sölkpass ist offiziell Carlo Fitzgerald Feltrinelli aus Mailand eingetragen. Er leitet heute die mächtige italienische Feltrinelli-Gruppe (Verlagswesen und Immobilien).
Historischer Hintergrund im Sölktal
Das Sägewerk: Die Brüder Feltrinelli kamen ursprünglich nicht wegen der Jagd, sondern wegen des Holzes in die Steiermark. Sie betrieben historisch ein großes Sägewerk am Eingang des Sölktals.
Die „Herrschaft Feltrinelli“: Die Familie erwarb im Laufe des 20. Jahrhunderts so viel Grund im Bereich Großsölk und Sankt Nikolai, dass sie in historischen Dokumenten der Region schlicht als die „Herrschaft Feltrinelli“ bezeichnet wird.
Infrastruktur: Beim Bau und der Sanierung der heutigen Sölkpassstraße im Jahr 1930 stellte die Familie Feltrinelli das gesamte Baumaterial zur Verfügung und ließ es mit ihren privaten Fuhrwerken bis zur Kaltenbachalm transportieren.
Das Jagdrevier heute
Das Jagdgebiet der Feltrinellis erstreckt sich über die alpinen Hochlagen des Naturparks Sölktäler, insbesondere rund um den Sölkpass und das Gebiet der Kaltenbachalm im Gemeindegebiet von Sölk. Es gilt als eines der exklusivsten und wildreichsten Reviere für die Gams- und Hirschjagd in den Niederen Tauern.