Von der Mongolei zur Gastgeberin in Bad Aussee
Sie floh vor der organisierten Kriminalität aus der Mongolei, kämpfte sich als Flüchtling durch ein fremdes Land und führt heute gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten erfolgreich das Wirtshaus und Hotel Römerstein in Bad Aussee. Die Geschichte von Baaska ist wahrlich außergewöhnlich. Gemeinsam mit ihrem Ziehvater Gerhard Fallent entsteht zudem derzeit ein Projekt, das Menschen aus Afrika neue Perspektiven eröffnet und gleichzeitig dem Arbeitskräftemangel im Tourismus begegnet.
Die Lebensgeschichte von Baasansuren Munkhtsetseg, abgekürzt Baaska, beinhaltet viele ungewöhnliche Wendungen. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in der Mongolei, verliert sie mit zwölf Jahren ihre Mutter. Ihr Vater erkennt sie nicht als Tochter an und übernimmt keine Verantwortung. Gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder wächst sie bei ihrer Tante auf. Auch wenn das Geld oft kaum für die nächste Mahlzeit reicht, gibt sie ihren Traum von Bildung nicht auf. Mit außergewöhnlichem Ehrgeiz schafft sie es an die Universität in der Hauptstadt Ulaanbaatar und schließt ein Journalismus-Studium ab.
Trotz Studium kein Asyl
V.l.: Gerhard Fallent, Alemitu Eshete Hirpe,
Eyerusalem Demessie Molla, Benjamin Öller,
Baasansuren Munkhtsetseg (Baaska)Als junge Journalistin recherchiert sie über den Mädchen- und Frauenraub durch die organisierte Kriminalität in der Mongolei. Ihre Berichte bleiben nicht folgenlos. Morddrohungen werden für Baaska zur bitteren Realität und ohne jeglichen staatlichen Schutz ist Angst ihr täglicher Begleiter. 2015 entschließt sie sich zur Flucht. Über Russland gelangt sie nach Österreich, wo bereits eine Tante von ihr in Linz mit ihrer mongolischen Familie lebt und arbeitet. Baaska landet zunächst im Flüchtlingsquartier Poysdorf in Niederösterreich. Sie erzählt von schwierigen Lebensbedingungen im überwiegend von männlichen Asylwerbern bewohnten Quartier und bittet um Verlegung, woraufhin Baaska in den Wirkungsbereich des Vereins „Willkommen Mensch Groß Gerungs – Langschlag“ kommt, wo sie Gerhard Fallent, den dortigen Obmann, kennenlernt – eine Begegnung, die ihr Leben grundlegend verändern sollte. „Sie ist sofort aufgefallen – hochmotiviert, engagiert und außergewöhnlich gebildet“, erinnert sich Gerhard Fallent. Bis heute beschäftigt ihn, dass Baaskas Fluchtgrund trotz umfangreicher Dokumente, Zeugnisse und Zertifikate nicht anerkannt wurde. Für ihn bleibt es schwer nachvollziehbar, dass ein derart gut belegter Fall einen jahrelangen Kampf erforderte.
Aus der anfänglichen Unterstützung entsteht schnell mehr als ein Betreuungsverhältnis. – Gerhard Fallent wird für Baaska zu einem Ziehvater. Baaska lernt Deutsch, absolviert erfolgreich eine Erwachsenenlehre als Restaurantfachfrau und beweist Tag für Tag Engagement und Integrationswillen. Nach drei Jahren erhält sie endlich die Rot-Weiß-Rot-Karte (Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis).
Gastfreundschaft kennt keine Grenzen
Das Gasthaus RömersteinIhre Lehre schließt Baaska 2022 als Landessiegerin beim niederösterreichischen Lehrlingswettbewerb ab. Die Auszeichnung wird ihr persönlich von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner übergeben. Auf Empfehlung ihrer Berufsschule führt ihr Weg anschließend ins renommierte Landhaus Bacher in Mautern in der Wachau. Zwei Jahre lang sammelt sie dort Erfahrung in der Spitzengastronomie und lernt ihren heutigen Lebensgefährten Benjamin kennen, der dort als Junior Sous Chef tätig ist. Wenig später ergibt sich eine neue Chance. Im Zuge eines Gesprächs zwischen dem damaligen Bad Ausseer Bürgermeister Franz Frosch erfährt Fallent über die Möglichkeit, in Bad Aussee ein bestehendes Wirtshaus und Hotel zu pachten und erzählt von seiner Ziehtochter und ihrem Partner, zwei hervorragend ausgebildeten Gastronomen mit einer klaren Vision. Die Idee findet rasch Unterstützung. Seit Oktober 2025 führen Baaska und Benjamin das Wirtshaus und Hotel Römerstein in Bad Aussee. Sie verbinden gehobene Gastronomie mit der Bodenständigkeit eines traditionellen Wirtshauses. Gerhard Fallent begleitet diesen Weg bis heute. Nicht als Geschäftsführer, sondern so, wie Eltern ihre Kinder begleiten: mit Rat, Erfahrung und zwei Händen, wenn sich der schattige Gastgarten mit Leben füllt. Nach erfolgreicher Prüfung aller Qualitätskriterien ist der Betrieb seit Juni stolzes Mitglied des Netzwerks „Steirisches Wirtshaus“. Wer zu Gast ist im Römerstein, streift nicht nur eine außergewöhnliche Geschichte, sondern kommt auch in den Genuss von erstklassigen, regionalen Köstlichkeiten in der gemütlichen Atmosphäre des zirka 700 Jahre alten Bad Ausseer Prachtbaus. ◻
Saisonale Arbeitskräfte aus Kenia und Äthiopien
Wer eine Zukunft sucht, bringt Motivation mit. Was Baaska als Flüchtling aus der Mongolei und heutige Geschäftsführerin des Wirtshauses und Hotels Römerstein in Bad Aussee selbst erfahren hat, möchte sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Benjamin Öller und ihrem Ziehvater Gerhard Fallent an andere weitergeben: die Chance, sich mit eigener Arbeit eine Zukunft aufzubauen. Aus dieser Haltung entstand ein Projekt, das den Arbeitskräftemangel in der Gastronomie mit sozialer Verantwortung verbindet.
Während viele Tourismusbetriebe händeringend nach Personal suchen, entschieden sich das Wirtshaus und Hotel Römerstein in Bad Aussee und das Narzissendorf Zloam in Grundlsee für einen ungewöhnlichen und in Österreich bisher einzigartigen Weg. Statt auf anonyme Bewerbungen aus aller Welt zu setzen, wurden junge Menschen persönlich ausgewählt, begleitet und auf ihren Schritt nach Österreich vorbereitet. Seit Mai arbeiten Alemitu und Yerusalem aus Äthiopien im Römerstein, wenige Wochen später folgte Susan Wangui Kamau aus Kenia in die Küche des Narzissendorfs Zloam, wo demnächst noch eine weitere Arbeitskraft aus Äthiopien eintreffen wird. Vier Frauen, vier unterschiedliche Lebensgeschichten – und doch verbindet sie derselbe Wunsch: durch ehrliche Arbeit eine Zukunft für sich und ihre Familien aufzubauen. Alemitu arbeitete in Äthiopien als Hausmädchen praktisch rund um die Uhr und verdiente dafür umgerechnet lediglich 20 Euro im Monat. Yerusalem erhielt trotz akademischer Ausbildung für ihre Vollzeitbeschäftigung rund 80 Euro monatlich. Susan aus Kenia ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder und fand trotz Hochschulabschluss keine Arbeit. Sie erzählt uns, dass sie mit ihrem österreichischen Gehalt daheim in Kenia zehn Familienmitglieder plus deren Kinder unterstützt.

V.l.: Susan Wangui Kamau (Kenia),
Eyerusalem Demissie Molla (Äthiopien),
Alemitu Eshete Hirpe (Äthiopien)
Eine Chance fürs Leben, ein Gewinn für die Gastro
Die Idee stammt von Gerhard Fallent. Seit mehr als zwanzig Jahren engagiert er sich in Entwicklungsprojekten in Äthiopien und verfügt dort über ein gewachsenes Netzwerk. Gemeinsam mit seinen Partnern wurden geeignete Bewerberinnen ausgewählt und der gesamte Aufnahmeprozess – vom Ersatzkraftverfahren über das AMS bis hin zur Visaerteilung – professionell begleitet. Für Fallent liegt genau darin der entscheidende Unterschied. „Wenn Menschen, wie beim jüngsten Ansturm auf Ceuta, auf eigene Faust versuchen, nach Europa zu gelangen, wissen wir nichts über ihre Motivation oder ihre Qualifikationen. In unserem Projekt wählen wir Menschen aus, die wir kennen, deren Motivation wir einschätzen und denen wir diese Chance mit gutem Gewissen geben möchten.“
Das Projekt versteht sich deshalb nicht nur als Antwort auf den Arbeitskräftemangel, sondern als nachhaltige Form gelebter Entwicklungshilfe. Die Betriebe bezahlen die Gehälter nach österreichischem Kollektivvertrag, vermitteln fachliches Wissen und ermöglichen den Erwerb einer neuen Sprache. Gleichzeitig fließt ein großer Teil des Einkommens direkt zu den Familien in Kenia und Äthiopien und trägt dazu bei, die Lebenssituation der Familien zu verbessern.
Auch sprachliche Hürden spielen im Alltag eine geringere Rolle, als viele vermuten. Im Römerstein funktioniert vieles nach dem Prinzip „Learning by Doing“. Freundlichkeit, Motivation und gute Englischkenntnisse erleichtern den Einstieg erheblich. Susan arbeitet in einem internationalen Küchenteam der Zloam und hat sich ein klares Ziel gesetzt: Innerhalb eines Jahres möchte sie das Deutschniveau B1 erreichen. Der Bad Ausseer Bürgermeister Thomas Schönauer bezieht klare Position zum Pilotprojekt: „Es freut mich sehr, dass sich ein Betrieb in unserer Gemeinde nicht nur wirtschaftlich erfolgreich entwickelt, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Das Wirtshaus und Hotel Römerstein zeigt, dass soziales Engagement, Integration und Unternehmertum Hand in Hand gehen können.“
Anderssein als Stärke sehen
Die alten Wände des urkundlich erstmals 1445 erwähnten Wirtshaus Römerstein haben schon viele Gesichter gesehen, schon immer war es ein Ort der Begegnung. Zu Gast waren unter anderem Erzherzog Johann, Peter Rosegger sowie Dr. Karl Renner. Auch heute ist Vielfalt dort kein Schlagwort, sondern gelebter Alltag. Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ziehen gemeinsam an einem Strang. „Jeder Mensch hat seine Fähigkeiten, seine Blickwinkel und seine Stärken. Unsere Aufgabe ist es, daraus ein Team zu formen – so wie ein Dirigent sein Orchester führt“, beschreiben Baaska und Benjamin ihre Philosophie. Als Flüchtling aus der Mongolei hat Baaska einst selbst erfahren, dass Hoffnung oft dort entsteht, wo jemand den Mut hat, an einen anderen Menschen zu glauben. Vertrauen, eine Chance und eine Perspektive – genau das erhalten nun auch die beiden Saisonkräften aus Äthiopien im Römerstein zu Bad Aussee. ◻
Text: Christian König, Fotos: Römerstein