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Foto: Matt Observe
| Menschen

LBN-Talk mit mit Philosophin Lisz Hirn


Die gebürtige Leobnerin Lisz Hirn studierte Geisteswissenschaften und Gesang in Graz, Paris, Wien und Kathmandu, verbrachte endlose Sommer im Ausseerland und denkt als Philosophin über die großen Fragen des Lebens nach. Im LBN-Talk spricht sie darüber, was Heimat für sie bedeutet, weshalb wir unsere eigenen Überzeugungen immer wieder mit Skepsis hinterfragen sollten und was wir bei den heurigen Dachstein-Dialogen erwarten dürfen.

 LBN: Heimat ist ein Begriff, den jeder zu kennen glaubt. Was bedeutet Heimat für Sie im 21. Jahrhundert? Ist sie ein Ort, eine Landschaft, eine Gemeinschaft – oder vor allem die Verantwortung füreinander?
Lisz Hirn: Der Begriff Heimat ist für mich keiner, der volkstümelt oder sich im Halten eines positiven Staatbürgerschaftsbescheids erschöpft. Für mich bedeutet Heimat ein Gefühl der Zugehörigkeit. Menschen können sich abseits des Ortes, wo sie geboren wurden (und aufgewachsen sind), „heimelig“ fühlen und heimisch werden. Das „Wohlfühlen“, das „Heimisch werden“ des Individuums ist wesentlich vom sozialen und ökonomischen Drumherum abhängig.

Regionen wie das Ennstal, das Gesäuse oder das Ausseerland leben von Vereinen, Nachbarschaftshilfe und persönlichem Engagement. Was hält eine Gemeinschaft aus philosophischer Sicht wirklich zusammen – und warum scheint dieser Zusammenhalt heute vielerorts unter Druck zu geraten?
Weil wir in einem ökonomischen System leben, das auf Konkurrenz und Wettbewerb setzt, statt auf das Miteinander. Im Kapitalismus ist sich jeder selbst der Nächste, ist jeder seines eigenen Glückes Schmied - so lautet zumindest das Motto. Die Realität sieht aber anders aus. Meist kämpfen die vielen Schlechtergestellten um das Wenige, während einige Wenige fast alles besitzen.

Wir erleben oft, dass Diskussionen schnell verhärten – ob am Stammtisch oder in den sozialen Medien. Warum fällt es uns zunehmend schwer, andere Meinungen auszuhalten? Und wie gelingt eine Gesprächskultur, in der Widerspruch nicht als Angriff verstanden wird?
Meiner Erfahrung nach fehlt uns allen ein „gesundes“ Misstrauen in uns selbst: gegenüber unseren Neigungen, Meinungen, Überzeugungen. „Es ist nicht der Kampf der Meinungen, welcher die Geschichte so gewaltthätig gemacht hat, sondern der Kampf des Glaubens an die Meinungen, das heisst der Ueberzeugungen“, schreibt Philosoph Friedrich Nietzsche in seinem Buch „Menschliches, Allzumenschliches“. Und als Mahnung an uns alle fährt der Philosoph fort: „Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.“ Überzeugungen und Meinungen sind es, die wir zumindest von Zeit zu Zeit radikal überprüfen - und wenn nötig - revidieren müssten. Das aber fällt uns, menschlich, allzumenschlich, besonders schwer. Wir hängen an unseren Überzeugungen und Meinungen und das, obwohl wir oft genug sehen, dass wir mit ihnen danebenliegen.

Viele Menschen sehnen sich nach Orientierung  und Sicherheit. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, Klimawandel, Tourismus und gesellschaftlicher Wandel unsere Lebenswelt. Wie viel Veränderung verträgt Heimat – und wie bleibt sie trotzdem Heimat?
Viel! Heimat ist für mich ein Gefühl von Zugehörigkeit und die ist nicht statisch, Zugehörigkeit hat auch etwas mit dem Zuhören und Gehören zu tun: Es kommen Menschen ins eigene Leben dazu, andere sterben, man altert, sammelt Erfahrungen, scheitert und macht trotzdem weiter.

Gelassenheit wirkt heute fast wie eine aussterbende Tugend. Warum ist sie gerade in unsicheren Zeiten eine Stärke – und wie können wir lernen, nicht auf jede Schlagzeile oder jede Meinung sofort zu reagieren?
Gelassenheit und Bescheidenheit. Letztere mahnt auch der Philosoph Ludwig Marcuse mit folgendem Zitat ein:
„Bescheidenheit ist mehr eine Konsequenz des Denkens als des guten Willens.“ Wer erkannt hat, dass alle Theologien, Philosophien, Wissenschaften, Institutionen, Überzeugungen und Meinungen im besten Fall Zwischenlösungen waren, kann sich nicht helfen: Er muss bescheiden sein oder ein Idiot. Ein Idiot ist aber wortwörtlich jemand, der immer nur um sich selbst und seine eigenen Belange kreist.

Bei den kommenden Dachstein Dialogen in Filzmoos und Ramsau, die heuer von 18. bis 24. September stattfinden, eröffnen Sie das Festival mit einem Plädoyer für Urteilsfähigkeit in unsicheren Zeiten. Was verstehen Sie unter Urteilsfähigkeit – und warum ist sie gerade heute so wichtig?
Das griechische Wort, welches den Weisen bezeichnet, gehört etymologisch zu Sapiens, der Schmeckende. Ein Weiser, „schmeckt“ quasi die bedeutsamen Unterschiede heraus, ist folglich nichts anderes als ein Mensch des „schärfsten Geschmacks.“ Das Schmecken ist ein bedeutsames Erkenntnisvermögen des Homo sapiens, seine Urteilskraft. Wo dieses Vermögen fehlt, muss und wird auf Vormünder zurückgegriffen. Damals wie heute gab es derer viele am Markt, seien es die Ansichten politischer Extremisten, religiöser Fundamentalisten, hochbezahlter TikTok-Influencer oder die technologische Endzeitfantasien von Tycoons aus dem Silicon Valley. Wir sehen an den ganzen Verheerungen heute, wie sehr es nötig ist und sein wird, unsere Urteilskraft zu schulen, um den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen gewachsen zu sein.

Die Dachstein Dialoge gehen von 18. bis 24. September in Filzmoos und Ramsau über die Bühne und widmen sich dem Thema „Worauf kann ich vertrauen?“
Programm: dachstein-dialoge.at/programm

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Wir verlosen jeweils 2 x 2 Karten:
▶ Vortrag: Gerald Knaus: Auf ein Wunder vertrauen...?
19.9.2026, 16:30 Uhr, Turnhalle Volksschule Ramsau

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▶ Konzert Trio Bohémo
22.09.2026, 19:30 Uhr, Evangelische Kirche in Ramsau

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