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Das Zeitpolster-Team Ausseerland: 2018 von sechs Frauen gegründet, engagieren sich heute rund 30 Helferinnen und Helfer für ein starkes Miteinander. Nun sollen auch in anderen Regionen weitere Teams entstehen. (Foto: Zeitpolster)
| Aus der Region

Zeitpolster: Heute helfen, morgen Hilfe bekommen


Pflege und Betreuung werden zu einer der großen gesellschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Familien werden kleiner, Angehörige können immer seltener Betreuung allein übernehmen, gleichzeitig steigen die Kosten für professionelle Pflege rasant an. Der Verein Zeitpolster setzt deshalb auf etwas, das in unseren Gemeinden reichlich vorhanden ist: Zeit, Nachbarschaft und Zusammenhalt. Im Ausseerland funktioniert dieses Modell bereits seit Jahren erfolgreich. Nun soll die Idee auch Freiwillige im Gesäuse, in Schladming-Dachstein und in Liezen dazu motivieren, eine eigene Gruppe zu gründen.
Mehr als die Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher blickt mit Sorge auf den eigenen künftigen Pflegebedarf oder jenen von Angehörigen. Gleichzeitig wünschen sich 97 Prozent, selbst über die Form ihrer Betreuung entscheiden zu können – möglichst lange in den eigenen vier Wänden. Doch dieses Modell gerät zunehmend unter Druck.

Berechnungen gehen davon aus, dass sich die öffentlichen Ausgaben für Pflegeleistungen bis 2050 mehr als verdreifachen könnten. Es wird daher neue Lösungen brauchen. Nicht als Ersatz für professionelle Pflege, sondern als Ergänzung: durch Nachbarschaftshilfe, engagierte Gemeinden, soziale Netzwerke und Menschen, die bereit sind, einen Teil ihrer Zeit für andere einzusetzen. Genau hier setzt Zeitpolster an. Der 2016 von Gernot Jochum-Müller in Dornbirn gegründete Verein versteht sich als Betreuungsnetzwerk und persönliche Altersvorsorge zugleich.

Zeit, die zurückkommt

Das Prinzip ist einfach: Menschen helfen anderen im Alltag und bekommen dafür Zeitgutschriften. Sie gehen beispielsweise mit älteren Menschen spazieren, erledigen Einkäufe, helfen im Haushalt, holen Kinder von der Schule ab oder leisten einfach Gesellschaft. Nach dem Tod ihres Mannes wurde es beispielsweise im Leben von Gabriele still. Durch Zeitpolster lernte sie Nicole kennen. Die beiden gehen gemeinsam einkaufen, erledigen Kleinigkeiten oder trinken Kaffee. Aus organisierter Hilfe entstand eine Freundschaft. Die geleistete Zeit wird gutgeschrieben und kann später selbst in Anspruch genommen werden, wenn Unterstützung benötigt wird. Wer keine Zeitgutschriften besitzt, bezahlt derzeit elf Euro pro Betreuungsstunde. Damit werden unter anderem Versicherungen der Helfenden, die Organisation vor Ort und ein Notfallkonto finanziert. Dieses Konto ist eine besondere Form der Vorsorge: Sollte es irgendwann zu wenige Freiwillige geben, können damit Betreuungsleistungen zugekauft werden. Eine besondere Qualifikation ist nicht notwendig. Zeitpolster begleitet die Teams und bietet mit „Learn to Care“ zusätzlich eine Online-Lernplattform mit praxisnahen Kursen für die Betreuung älterer Menschen.

Sechs Frauen machen‘s vor

Wie gut das Konzept bei uns funktionieren kann, zeigt das Zeitpolster-Team im Ausseerland. 2018 von sechs Frauen gegründet, fanden sich über einen einfachen Facebook-Aufruf kurz darauf schon die ersten Helferinnen und Helfer. Heute besteht das Organisationsteam noch immer aus denselben sechs Frauen und aus rund 30 Helferinnen und Helfern. „Gott sei Dank werden wir von allen vier Ausseerland-Gemeinden wirklich gut unterstützt“, erzählt Claudia Steinbrecher, die im Team für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Besonders wertvoll sei, dass Informationen über Helfende und Menschen, die Unterstützung suchen, kostenlos über Gemeindezeitungen und Gemeinde-Websites verbreitet werden können. Auch Coco Kammerer gehört zum Gründungsteam und übernimmt viel Organisationsarbeit. Sie erlebt Zeitpolster nicht nur als Möglichkeit, anderen zu helfen: „Viele Menschen sehnen sich nach einer sinnstiftenden Tätigkeit, die der Gesellschaft zugutekommt. Aber auch nach einer Gemeinschaft und gemeinsamen Aufgaben – beides bietet Zeitpolster den Menschen, die im Verein tätig werden.“ Gerade für Gemeinden liegt darin eine große Chance. Für ein Zeitpolster-Team benötigt man kein zusätzliches Pflegeheim. Es wird aber auch den mobilen Pflegedienst nicht ersetzen. Es schafft etwas anderes: ein lokales Netzwerk von Menschen, die füreinander da sind und dadurch eine der wichtigsten Ressourcen stärken – den Zusammenhalt.

Nächster Schritt: neues Team

Es braucht jetzt Menschen, die den ersten Schritt machen. Ein eigenes Team im Gesäuse, eines in der Region Schladming-Dachstein und eines in Liezen könnte ein Netzwerk gegenseitiger Hilfe entstehen lassen, das mit den Gemeinden wächst. Für Bürgermeister und Gemeindeverantwortliche bedeutet Unterstützung dabei vor allem eines: Menschen zusammenzubringen, Räume und Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und einer Idee Rückenwind zu geben, die langfristig der ganzen Gemeinde zugutekommt. Denn Zeit ist das kostbarste Geschenk, das wir uns untereinander machen können.

Alle Infos: www.zeitpolster.com