Alles auf Schiene
Hinter der alten Stiftskirche von Spital am Pyhrn versteckt sich in einer ehemaligen Mesnerwohnung eine kleine geheime Welt. Auf rund 40 Quadratmetern haben die Mitglieder des Pyhrn-Priel-Modellbahnclubs eine faszinierende Modelleisenbahnlandschaft im Maßstab 1:87 erschaffen.
Zwischen Bergen, Tunneln und idyllischen Dörfern fühlt man sich wie in einem Märchen. Gleichzeitig begeistern naturgetreue Nachbauten regionaler Wahrzeichen – vom Bahnhof Spital am Pyhrn bis zur historischen Wurzeralmseilbahn – und das Eisenbahnmuseum, in dem viele Utensilien der Eisenbahn, speziell der Pyhrnbahn, ausgestellt sind.
Wenn wieder mal dunkle Wolken am Himmel aufziehen und sich das Wetter einregnet, ist es Zeit, die rote Lokführermütze aufzusetzen und sich nach Spital am Pyhrn aufzumachen. Hinter den unscheinbaren alten Mauern, die einst zum Stiftsgebäude gehörten, verbirgt sich nämlich eine liebevoll und detailverliebt gestaltete Miniaturwelt, die für Groß und Klein das perfekte Schlechtwetterprogramm bereithält. Seit 2014 wird hier gemeinsam gebastelt, gebaut und getüftelt. Rund zehn Mitglieder des Modelleisenbahnclubs haben die faszinierende Anlage Schritt für Schritt erschaffen – eine Welt, in der jedes Detail zählt und in der auch so manches echte „Prunkstück“ aus privaten Modelleisenbahn-Kellern zu neuem Leben gefunden hat. „Fertig wird man hier eigentlich nie. Modellbauer haben irgendwie einen an der Waffel sitzen, dass sie sich diese Detailarbeit antun und so viel Geld ausgeben“, sind sich die Mitglieder des Modellbahnclubs Pyhrn-Priel einig, die uns heute durch die mit kleinen Bahntunneln verbundenen Zimmer führen. „Es muss immer weitergehen“, scheint hier das unausgesprochene Motto zu sein. Denn immer wieder kommt ein neues Stück dazu, das den Modelleisenbahn-Horizont erweitert und die Anlage ein wenig größer, ein wenig lebendiger macht. Wochen, Monate und Jahre stecken bereits in diesem Projekt und trotzdem wird noch immer mit voller Leidenschaft weitergebaut.
Viertbestes Ausflugsziel Oberösterreichs
Die offizielle Eröffnung fand 2016 statt. Einen besonderen Höhepunkt erlebte die Anlage im Schatten des Bosrucks schließlich 2023, als sie zum viertbesten Ausflugsziel Oberösterreichs gewählt wurde. Diese Auszeichnung brachte dem gut versteckten Verein mit den selbstgebastelten Fantasieortschaften wie „Waldneukirchen“ einen spürbaren Aufschwung an Besucherzahlen. Hier wurde aber auch ein naturgetreuer Nachbau der ehemaligen Wurzeralm-Seilbahn oder des Bahnhofs Spital am Pyhrn erschaffen. Im Hintergrund fügen sich großformatige Panoramabilder der Pyhrn-Priel-Region an den Wänden perfekt in die Szenerie ein und verstärken den Eindruck der eigenen kleinen Welt. Vom Railjet bis zum Nostalgiezug und zur Dampflok ist hier alles auf Schiene. Wenn die kleine Dampflok durch den Tunnel in das nächste Tal im anderen Zimmer fährt und dabei echter Dampf aufsteigt, versinkt man endgültig vollkommen in der Modelleisenbahn-Welt, die irgendwo in den Siebzigern stehen geblieben zu sein scheint – zumindest, wenn man die alten Postbusse betrachtet. Doch der moderne Railjet holt einen genauso schnell wieder in die Gegenwart zurück. Gesteuert wird das Ganze mit moderner Technik, Reed-Kontakten und Magneten unter den Zügen. Somit gleiten die kleinen Lokomotiven scheinbar von selbst durch die Landschaft. Jeder Zug hat einen Magneten, der Signale auslöst und wodurch die jeweiligen Strecken digital gesteuert werden können – ohne Kollisionen. Der Fahrplan funktioniert erstaunlich zuverlässig, besser als manch echter Fahrplan.
Von Selzthal nach Linz im Simulator
Wenn es dann Nacht wird über Burg Falkenstein und in den kleinen Ortschaften die Lichter erleuchten, überkommt einen ein besonders heimeliges Gefühl. Man ist versucht zu beginnen, das eigene Heim zu suchen. Doch auf Knopfdruck der Kinder, die heute zu Besuch sind, wird die kleine Welt schnell wieder lebendig: Plötzlich fährt die Standseilbahn zur Bergstation, der Sessellift geht in Betrieb und überall passiert plötzlich etwas: Schnell, ruft die Feuerwehr! Ein Haus steht in Brand! Um Himmels Willen, warum fällen die Forstarbeiter gerade jetzt einen Baum und schau dir an, was der Fischer dort für einen großen Fang aus dem See zieht. Pass auf, der Jäger ist im Einsatz, und Großmutter klopft noch schnell den Teppich aus! Es ist nicht leicht, wieder herauszufinden aus „Minimundus“. Doch am besten gelingt die Rückkehr mit dem Zug von Selzthal nach Linz. Im originalen Lokführerstand der Baureihe 4030 (für echte Eisenbahnfans) tauchen Jung und Alt in die Welt eines Lokführers ein. Einmal richtig „Gas geben“, während am großen Simulator-Bildschirm die Originalstrecke vorbeizieht, und unter Anleitung rechtzeitig die Bremsen für den nächsten Bahnhof gezogen werden müssen. „Einmal Lokführer sein – das ist eigentlich das Schönste für die Besucher“, weiß unser heutiger Zugführer und gibt uns ein Handzeichen. „Alles einsteigen, und Abfahrt, denn bei uns ist das auch wirklich möglich!“
Text: Christian König | Fotos: Modellbahnclub Pyhrn-Priel