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| Menschen

Für mich war jeder Tag Muttertag


Ein Haus voller Kinder, ein kuscheliger Hund mittendrin und ein „Onkel Hans“, der regelmäßig als lebendes Klettergerüst herhalten musste – bei Maridi Schaumberger aus Schladming war immer etwas los. Wer hier zur Tür hereinkam, erhielt nicht nur Betreuung, sondern gleich ein Stück Familie dazu.

MaridiFür Maridi Schaumberger war die Arbeit mit den Kindern stets Bereicherung . Sie schenkte nicht nur Zeit, sondern auch Geborgenheit, Vertrauen und ein Stück Zuhause.Nachdem die eigenen Töchter aus dem Haus und die Söhne in der Hauptschule waren, ging sie zur Gemeinde und erkundigte sich nach einem Job. „Mei Maridi, für dich hätte ich was. Bei der Volkshilfe suchen sie Tagesmütter“, freute sich die Dame am Gemeindeamt. Maria Schaumberger war sofort angetan von der Idee. „Ich hatte mein Leben lang Kinder um mich“, erzählt die Frau mit sechs Schwestern und einem Bruder, „ich musste sehr viel auf meine jüngeren Geschwister schauen.“
Dabei waren sie überaus erfinderisch. Das Nebengebäude ihres Wohnhauses – eine alte Tenne – wurde zum Abenteuerspielplatz: Dort entstand etwa eine riesige Schaukel für sechs Personen, mit der die Geschwister durch den Dachstuhl schwebten. Im Schladminger Ortsteil „Vorstadt“ lebten viele Kinder, es war immer lebendig und gesellig.

Der Beginn einer Berufung

Nach Rücksprache mit ihrem Ehemann Hans, der keinerlei Einwände hatte, absolvierte Maridi die Ausbildung zur Tagesmutter und nahm schon bald ihr erstes Tageskind in Empfang. Schnell wuchs die Kinderschar, und die begehrten Plätze in Maridis Heim wurden rar. Wenn mittags ihr Ehemann, der „Onkel Hans“, von der Arbeit nach Hause kam, herrschte stets ein großes Griss um ihn.
Schon damals wuchsen einige Kinder bei alleinerziehenden Müttern auf – umso schöner war es für sie, in ihrer Tagesfamilie auch einen Mann zu haben, mit dem man raufen oder Pferdchen spielen konnte. „Oft saßen vier Kinder auf seinem Rücken“, erinnert sich die rüstige Schladmingerin lachend.

Spielen wie früher – ganz ohne Bildschirm

Fernsehen gab es nicht. Stattdessen besaß Maridi eine wahre Schatzkiste an Ideen. Sie kannte unzählige Spiele aus ihrer eigenen Kindheit: Vögel verkaufen, Stoffe verkaufen, „Ist die schwarze Köchin da“, „Zimmer Küche Kabinett“, „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“ „Das darf man heutzutage ja gar nicht mehr alles sagen“, meint sie schmunzelnd.

Ein besonderer Mitbewohner gehörte ebenfalls zur Familie: der Schäferhund Bery. Zum Glück war die Dame von der Volkshilfe, die anfangs alles begutachtete, Hundeliebhaberin und sah darin eine tolle Bereicherung. Einmal im Monat fuhr Maridi nach Liezen zur Supervision, um sich mit anderen Tagesmüttern auszutauschen.

Alltag voller Wärme und Abenteuer

Bereits ab einem Alter von drei Monaten nahm die engagierte Tagesmutter Kinder auf – meist von Ärztinnen, Lehrerinnen oder Krankenschwestern. „Wenn diese Frühdienst hatten, wurden mir die Kinder manchmal sogar im Pyjama gebracht“, lächelt sie, „dann wurde erst einmal gekuschelt und in Ruhe Fläschchen getrunken.“
Der Alltag war geprägt von Gemeinschaft: Es wurde gespielt, gemeinsam gekocht und gegessen, die Kleineren genossen einen Mittagsschlaf, die letzten Kinder wurden erst am Abend abgeholt. Besonders beliebt waren die Ausflüge in die Natur – etwa mit der Gondel auf die Planai, ins Untertal zur Waldhäuslalm oder nach Rohrmoos, wo mit Rucksack und Picknickdecke der Märchenweg erkundet wurde.

Wenn noch Plätze frei waren, betreute Maridi sogar Kinder von Urlaubsgästen – damals eine Seltenheit, da Hotels noch keine eigene Kinderbetreuung anboten.
Am Ende jedes Sommers veranstaltete die Tagesmutter ein großes Fest für Eltern und Kinder. Die Vorstadtgasse wurde kurzerhand zur Feierzone umfunktioniert. Einige Kinder durften sogar über Nacht bleiben, während die Eltern den Abend gemütlich ausklingen ließen.

Kinder

Die legendäre Mehlschlacht

Einmal allerdings ist selbst Maridi an ihre Grenzen gestoßen. Sie wollte mittags mit den Kindern Buchteln machen und hatte bereits das Mehl bereitgestellt. Vorher ging sie aber noch ins obere Stockwerk, um die Betten zu machen und zu lüften. Sie hörte die kleine Kinderschar unten lachen und dachte sich, die haben eine Gaudi, da kann ich ja noch schnell das Bad putzen. Als sie wieder in die Küche zurückkam, traf sie fast der Schlag. Ihr schossen glatt die Tränen in die Augen. Die Kinder hatten mit dem Mehl eine Schneeballschlacht veranstaltet. Überall war Mehl, auf der Couch, am Teppich, sogar innen im Vitrinenschrank fand sie noch Tage später Mehlreste. Die Kinder waren so erschrocken über Maridis Tränen, dass sie ihren Mittagsschlaf an diesem Tag (es gab übrigens spontan Würschtl, keine Buchteln) freiwillig und allein antraten.

Eine Leidenschaft zur richtigen Zeit

Maridis Hingabe war außergewöhnlich. Nie empfand sie ihre Arbeit als Belastung, sondern als Bereicherung. Fast zwanzig Jahre widmete sie ihre Zeit und Energie ihren Tageskindern – und genoss jeden einzelnen Moment.
Heute, fünfzehn Jahre nach ihrer Pensionierung, liebt sie es noch immer, wenn Leben im Haus ist – besonders, wenn die eigene Familie zusammenkommt. „Wenn man Kinder so gerne hat wie ich, ist der Beruf Tagesmutter einfach wunderschön und erfüllend. Ich habe meine Leidenschaft gelebt, und zwar genau zur richtigen Zeit!“

Text: Mona Dorrer | Fotos: Mona Dorrer, privat