Lotus forever!
In Bad Aussee existiert auf knapp 2000 m2 ein Heiligtum für Leichtbau, Benzinträume und die ewige Sehnsucht nach Geschwindigkeit. Wo früher Heu und Vieh standen hat Josef Loitzl ein Museum geschaffen, das mit bemerkenswerter Leidenschaft für die Marke Lotus fasziniert.
Dieses Magazin war Auslöser für eine lebenslange Leidenschaft.Josef Loitzl wächst auf einem Bauernhof an der B145 in Bad Aussee auf. Im Alter von elf Jahren findet er auf der Mülldeponie eine Motorsportzeitschrift. Am Cover ist ein Lotus zu sehen, im Innenteil eine Reportage über Jim Clark. „Ab da war’s vorbei“, sagt Loitzl und holt besagtes vergilbtes Magazin tatsächlich aus einem Schrank. „Ich hab gewusst: Des is mei Welt.“ Er fängt an, alles über Colin Chapman, den genialen Konstrukteur hinter Lotus, und Team Lotus zu verschlingen. Leichtbau, radikale Ideen, Rennsiege – all das wird für den Bauernbuben aus dem Ausseerland zum persönlichen Lebenstraum. „Die Entwicklung von Lotus ist vom ersten Lotus Mark I im Jahr 1948 bis hin zur Etablierung des Esprit bis 1982 eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, die stark von Colin Chapmans genialen Innovationen geprägt war. Fast jedes Modell aus dieser Ära war erfolgreich“, erzählt Loitzl begeistert. Den Grand Prix 1969 verfolgt er damals noch beim Nachbarn auf einem flimmernden Schwarzweißgerät. Zwei Lotus verunfallten: zuerst Graham Hill, dann Jochen Rindt. Ein Jahr später radelt der 13-jährige Richtung Zeltweg zum Formel-1-Rennen. „Bis zum Kulm bin ich gekommen. Dann ham mir die Wadln brennt und i hob wieder umdraht“, erzählt er lachend aus der Zeit, als die Faszination Lotus von ihm Besitz ergriff. Als Rindt bei einem Rennen 1970 im Alter von nur 28 Jahren tödlich verunglückt, steht ganz Österreich unter Schockstarre. „Das hat uns alle mitgenommen“, sagt Loitzl. „Er war unser Held, posthum ist er dann sogar noch Weltmeister geworden“, erzählt Loitzl noch heute gerührt.
Im Fahrerlager der Träume
Durch seinen Schulfreund Ernst Köberl schafft es der Teenager tatsächlich ins Lotus Fahrerlager. Plötzlich steht er mitten unter Rennlegenden wie Ronnie Peterson, Jackie Stewart, Graham Hill, Mario Andretti. „Alle hab ich sie gesehen“, erzählt er stolz. 1982 stirbt Colin Chapman überraschend. „Mit ihm war plötzlich der Geist weg“, sagt Loitzl: „Lotus verlor die prägende Führungsfigur, was sich bald auch sportlich zeigte. Weitere Weltmeistertitel blieben aus und 1994 musste sich das Team schließlich aus der Formel 1 zurückziehen, da die Finanzierung nicht mehr gesichert war.“ Später wurde die Rennabteilung als Classic Team Lotus neu aufgestellt. Seitdem betreut Chapmans Sohn Clive Chapman die historischen Lotus-Fahrzeuge, die bis heute bei Oldtimer- und historischen Rennveranstaltungen erfolgreich sind.
Bauernhof mit Rennstall
Foto: Ch. KönigLoitzl absolviert eine Tischlerlehre, arbeitet bei einer Reifenfirma, liefert Fleisch aus, fährt Bagger, arbeitet im Steinbruch am Pötschen und im elterlichen Sägewerk. Mit 20 Jahren erfüllte er sich einen großen Traum und kauft seinen ersten Lotus Europa in der schwarz-goldenen Lackierung von John Player. „Ich und Ernst fuhren damit oft zu Formel-1-Rennen nach Zeltweg. Wir hatten kaum Geld, aber weil wir in einem Lotus daherkamen, hat man uns tatsächlich öfters bis zu den Formel-1-Autos durchgewunken“, lacht er noch heute spitzbübisch, wenn er diese Geschichte erzählt. Nebenbei wird die Landwirtschaft geführt und es entsteht eine Familie mit zwei Kindern. Schließlich beginnt Loitzl günstige Unfallautos zu kaufen und selbst zu restaurieren. „Vieles hab ich mir aus Interesse eigenständig beigebracht. Wahnsinn, was alles möglich ist, wenn Leidenschaft und Interesse für etwas da sind.“ Sein zweiter Lotus, ein grüner Elite, stammte von einem Mechaniker des Team Lotus. Loitzl importiert die Havarie aus den USA und erweckt den Wagen zu neuem Leben. Mit dem EU-Beitritt wird die Landwirtschaft aufgegeben und so bietet der Hof plötzlich viel Platz. Das war der Zeitpunkt, an dem die Idee, die vielen Sammlerstücke in einem eigenen Museum zu zeigen, geboren war. Heute umfasst die Sammlung rund 30 Lotus-Fahrzeuge aus den Baujahren 1959 bis 2005, fast alle fahrbereit, verteilt auf knapp 2.000 m² Ausstellungsfläche, die seit Jahrzehnten laufend erweitert wird. „Vier Lotus Formel-Rennwagen werden weiterhin bei historischen Rennen eingesetzt. Das nächste zum Beispiel am 9. Mai am Redbull Ring, wo ich selbst am Steuer eines John-Player-Formel-2-Atlantik sitze, und damit bis zu 250 km/h erreiche“, gibt sich der 69-jährige Museumsbesitzer stolz.
Vollgas für die Leidenschaft
Foto: Lotus-MuseumVereint durch die Leidenschaft für Motorsport treffen im Lotus Museum an der B145 in Bad Aussee ganz unterschiedliche Besucher aufeinander. Neben den Fahrzeugen sind auch noch rund 1.200 Modellautos und hunderte Fotos mit bekannten Rennsport-Größen zu sehen. „Dieses ganze Lotus-Ding begeistert mich bis heute“, sagt Loitzl. Dass der Rennsport-Fanatiker generell ein Faible für historische Technik hegt, wird spürbar, als er eine Münze in dem von ihm restaurierten Wurlitzer aus einem ehemaligen Gasthof aus der Gegend einwirft. Die Mechanik rattert, eine Platte senkt sich, und plötzlich knistert „Yellow Submarine“ von den Beatles durch die Halle. Zwischen Benzingeruch, Chrom und Erinnerungen wirkt das Lied wie eine Zeitmaschine. Loitzl lächelt zufrieden: „Weißt“, sagt er, „Lotus ist nicht nur ein Auto. Des is a Lebensg’fühl wie a Motor, der nie abstirbt.“ ◻