Die verlorenen Stunden unserer Kinder
Wenn es darum geht, die oft unsichtbaren Gefahren der digitalen Welt verständlich zu machen, zählt Klaus Strassegger zu den gefragtesten Experten der Steiermark. Der Diplom-Sozial- und Berufspädagoge verbindet technisches Know-how als System- und Netzwerktechniker mit langjähriger Erfahrung in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Eltern und Pädagogen. Ohne für einen Verein tätig zu sein oder Förderungen aus der öffentlichen Hand in Anspruch zu nehmen, setzt sich der Einzelkämpfer in seinen Vorträgen und Workshops seit fast drei Jahrzehnten für mehr Medienkompetenz ein. Bevor er sich mit seiner Abschiedstour „DIGITAL:TOTAL“ von der großen Vortragsbühne verabschiedet, haben wir mit ihm über die Herausforderungen der digitalisierten Gesellschaft gesprochen.
Foto: Archiv StrasseggerLBN: Herr Strassegger, Smartphones und soziale Medien gehören heute selbstverständlich zum Alltag von Kindern und Jugendlichen. Was sind die Vorteile, was die Gefahren?
Klaus Strassegger: Dass Smartphones und soziale Medien heute zum Alltag vieler Kinder gehören, ist nicht selbstverständlich, sondern vor allem dadurch entstanden, dass Erwachsene ihnen diesen Umgang mit digitalen Medien vorleben. Das Wichtigste ist, dass Sie sich von absolut niemandem vorschreiben lassen, wann Ihr Kind ein Smartphone benötigt. Sie entscheiden, wann Ihr Kind mit digitalen Medien beginnt. Meine klare Empfehlung ist kein Smartphone vor der 3. Schulstufe und keine Nutzung sozialer Medien bis zum 10. Lebensjahr. Besondere Vorsicht gilt bei Apps, bei denen Kinder mit fremden Personen interagieren können. Smartphones und soziale Medien bieten Kindern und Jugendlichen viele Chancen, etwa für Kreativität und Unterhaltung oder beim Erlernen von digitaler Kompetenz. Gleichzeitig gibt es Risiken bzw. die Gefahr für Cyber-Mobbing, psychischer Belastung oder Beeinflussung der Konzentrationsfähigkeit. Deshalb sind ein bewusster Umgang sowie klare Regeln und eine Begleitung durch Eltern und Schule wichtig.
Viele Eltern fühlen sich bei Themen wie TikTok, Snapchat, WhatsApp oder Instagram überfordert. Wie kann man Kinder begleiten, ohne sie permanent zu kontrollieren?
Wir können unsere Kinder nur begleiten und nicht schützen, weil der Großteil der Erwachsenen keine Ahnung hat, was im Hintergrund von sozialen Netzwerken wirklich abläuft. Und sicher begleiten kann ich nur jemanden, wenn ich selber ein fundiertes Hintergrundwissen zum Thema habe. Also sollten sich zum Thema auch Eltern immer weiterbilden und die vielen Informationsseiten im Netz auch nutzen. Wichtig sind offene Gespräche über Apps, Chancen und Risiken sowie gemeinsame Regeln über Bildschirmzeit und Datenschutz. Wenn Eltern Interesse zeigen und zuhören, entsteht Vertrauen. So lernen Kinder und Jugendliche Schritt für Schritt, verantwortungsvoll mit digitalen Medien umzugehen. TikTok, Instagram und Snapchat würde ich für Kinder bis zur 6. Schulstufe generell nicht empfehlen. Bei Kindern mit erhöhtem Medienkonsum sind Konzentrationsstörungen, Sehprobleme, Schlafstörungen und damit verbunden auch schulische Probleme allgegenwärtig.
Cyber-Mobbing ist für viele Familien ein sensibles Thema. Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind betroffen sein könnte, und wie sollte man im Ernstfall reagieren?
Eltern erkennen Cyber-Mobbing oft an Veränderungen im Verhalten ihres Kindes. Betroffene Kinder wirken plötzlich traurig, gereizt und vernachlässigen oftmals ihr soziales Umfeld. Zudem können Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten und ein Leistungsabfall in der Schule mögliche Warnsignale sein. Im Ernstfall sollten Eltern ruhig bleiben und vor allem ihr Kind ernst nehmen. Nachrichten, Screenshots und Chatverläufe sollten als Beweise gesichert werden. Danach kann man beleidigende Inhalte melden und die betreffenden Personen blockieren. In schweren Fällen können Beratungsstellen in Bezug auf Einleitung der nächsten Schritte helfen.
Immer häufiger hört man von Grooming, also der gezielten Kontaktaufnahme Erwachsener mit Minderjährigen im Internet. Wie groß ist diese Gefahr tatsächlich und wie kann man Kinder davor schützen?
Das ist die Hauptgefahr für Kinder im Netz und wird von den Eltern total unterschätzt. Vor allem auf Spielportalen und Chatrooms kommt es immer wieder zu unangenehmen Erfahrungen für die Kinder. Erwachsene geben sich mit Hilfe der KI als Kinder aus und holen sich dadurch das Vertrauen der Kinder. Außerdem bergen Video-Chats und Dating-Apps eine große Gefahr für Jugendliche. Wenn Ihr Kind schlechte Erfahrungen macht oder Bilder von Erwachsenen bekommt, sollten Sie die Beweise sichern und umgehend die Polizei kontaktieren. Eine Einzelaufnahme Ihres Kindes im Freibad würde ich niemals öffentlich ins Netz stellen. Lassen Sie Ihr Kind im Volksschulalter auf keinen Fall unbeaufsichtigt in Multiplayer Gaming-Portale mit Chatfunktion. In diesem Alter sind Kinder mit der Situation im Netz völlig überfordert.
Kinder und Jugendliche teilen oft sehr persönliche Inhalte im Netz. Wie wichtig ist Aufklärung über das „Lebensarchiv Internet“?
Zum Thema Datenschutz im Internet kann ich mich über die Naivität so mancher Menschen nur mehr wundern. Das Internet speichert und analysiert unsere komplette Datenspur im Netz. Big Brother hat in Zukunft natürlich eine nicht zu unterschätzende Macht über uns. Wenn ich Kindern „gelöschte“ Daten wieder herstelle und sie sehen welche Auswirkungen ein unbedachter Klick im Netz hat, sind sie auch durchaus bereit, ihr Surfverhalten anzupassen. Heute haben wir unendliche Speicherkapazitäten. Jeder Klick, jedes Bild, jede Suchanfrage, kurz gesagt absolut ihr gesamtes Tun, wird im Internet analysiert und verwertet. Eltern sind dann oft sehr verwundert, wenn ich ihnen die Analysen bei den Vorträgen ganz einfach vorführe.
Auch Gaming spielt eine große Rolle: Spiele wie Fortnite, Minecraft oder GTA faszinieren Millionen Jugendliche. Wann wird aus einem Hobby eine problematische Online- oder Spielsucht?
Spielsucht entsteht, wenn Kinder ihr Umfeld vernachlässigen. Spielsucht entsteht auch, wenn Eltern keine Regeln und Konsequenzen für ihre Kinder auf Online-Portalen definieren. Ein Kind wird nicht von selbst süchtig. Es braucht jemanden, der fünf und mehr Stunden Spielzeit zulässt! Bulimie, Adipositas, schulische Probleme und Konzentrationsschwäche durch Übermüdung sind nur ein kleiner Teil der Folgen. Spielsucht ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung, die oft in eine völlige soziale Isolation führt. Wenn Eltern einen Verdacht auf Spielsucht haben, sollten sie auf jeden Fall sofort psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.
Schweden korrigierte den übermäßigen Einsatz digitaler Medien im Unterricht und kehrt verstärkt zu gedruckten Büchern, Stiften und Handschrift zurück. Nach negativen Auswirkungen auf Lese- und Schreibkompetenzen wurde die „Bildschirm-Pflicht“ in Vorschulen abgeschafft, ein Handyverbot beschlossen und massiv in analoge Lehrmittel investiert. Wie beurteilen sie dieses Vorgehen?
Diesem Medienkompetenz-Wahn im Kindergarten und Volksschulalter kann ich nach 27 Jahren Erfahrung absolut nichts mehr abgewinnen und das auch belegen. Kinder brauchen soziale Kompetenzen und Eltern, die als Vorbilder Werte vermitteln und nicht selbst permanent am Smartphone hängen. Ein Verbot von Smartphones in Schulen bis zur 8. Schulstufe halte ich durchaus für sinnvoll. Um modernes Lernen durchzusetzen brauche ich kein Smartphone. Viele Schulen arbeiten ja schon sehr gut und erfolgreich mit Laptops, Tablets und Smartboards im Klassenverband. Erst ab der Oberstufe würde ich das Smartphone im Unterricht integrieren.
Webseiten zur gemeinsamen Fortbildung im Familienverband:
www.pekg.at, www.rataufdraht.at, www.saferinternet.at,
www.ombudsstelle.at, www.watchlist-internet.at,
www.familienberatung.gv.at, kinderpsychologen.at,
www.kija.steiermark.at, www.stopline.at, elternseite.at