Der letzte Tequila
Bollwerk, Nova Palace, Angelique, Sonderbar, Remise und wie sie alle hießen. Namen, bei denen noch heute bei vielen Erinnerungen wie ein Stroboskob im Nebel aufblitzen. In den Discotheken unserer Region feierten ganze Generationen die Nächte durch und zelebrierten ihre Jugend. Es wurde getanzt, getrunken, geraucht, geflirtet und geschmust. Wenn man sich gegenseitig ins Ohr schrie, kam man sich näher und verlor sich irgendwo zwischen Discokugel und dem letzten Tequila an der Bar.
Freundschaften entstanden, Beziehungen begannen und manchmal endeten sie noch im Morgengrauen auf dem Parkplatz. Viele dieser Orte der Begegnung und des Austauschs sind heute verschwunden. Manche still und leise, manche mit einem großen Knall, wie die Kult-Disco A1 in Linz, wo es nach der Sommerpause 2025 statt Wiedereröffnung ein Insolvenzverfahren gab. Corona brachte eine Generation hervor, die während der Lockdowns keine Ausgeh-Erfahrungen sammeln konnte. Sie hat nie erlebt, wie es sich anfühlt, gemeinsam mit hundert anderen Menschen abzutanzen. Nie erfahren, warum man sich stundenlang vor dem Spiegel geschniegelt hat, nur um am Ende verschwitzt, verraucht und ohne Führerschein nach Hause zu kommen. Das Smartphone ist zum größten Konkurrenten der bunten Tanzflächen geworden. Flirten, Kennenlernen, Musik entdecken, Trends verfolgen, Neuigkeiten austauschen – alles davon ist heute auf den kleinen leuchtenden Displays möglich. Doch kann ein Algorithmus wirklich die Erfahrung ersetzen, die Mann macht, wenn er all seinen Mut zusammennimmt, schnurstracks auf ein Mädchen zugeht und eine bescheuerte Frage herausstottert wie „Hey, was machst du, alles klar bei dir?“ Vielleicht ist es für das männliche Ego ja leichter verkraftbar, wenn niemand zurückschreibt, als eine demonstrativ abgewandte Schulter von hinten zu betrachten. Aber stellen wir es uns einmal andersherum vor: Was, wenn die Antwort „Danke, alles gut, und du so?“ lautet! Dann schießt das Dopamin vermutlich immer noch erquickender ein, als wenn man in die Augen eines gefilterten Profilbilds starrt.
Sperrstund is …
K
Foto: pressmaster - stock.adobe.comlaus Postlbauer, Betreiber des Restaurants Barissimo und der Altstadt Disco (ehemaliges Clip) in Windischgarsten sieht viele Gründe, warum sich das Nachtgeschäft kaum noch jemand antut. Die Jugend, meint er, ist heute zahlenmäßig locker um ein Viertel weniger als früher, die geburtenstarken Jahrgänge seien vorüber. Gleichzeitig lebe die junge Generation gesünder und bewusster. „Von einer Work-Life-Balance kann das Nachtg’schäft halt nicht leben. Die Discos liegen in den letzten Atemzügen“, ist er überzeugt, ohne dabei verbittert zu klingen. Etwas ernster wird sein Tonfall, als das Gespräch auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kommt. „Ich hab den Eindruck, dass die Gastro vonseiten der Politik überhaupt nicht unterstützt wird, das ist alles komplett mühsam geworden, dazu die hohen Energie- und Personalkosten.“ Dass eine Disco so wie früher vier Tage in der Woche offen habe, sei heute reine Utopie. In der Altstadt versucht man deshalb neue Wege zu gehen. Unter anderem sollen Tanzabende für ein älteres Publikum jene zurückholen, die das Lokal noch aus ihrer Jugend kennen. Doch wirtschaftlich ist auch das nicht einfach. „Die bechern si hoit net um, sondern trinken lieber an einem Bier herum“, sagt Postlbauer mit schelmischen Augenzwinkern.
31.000 Besucher bei Summer Opening
Foto: Hohenhaus Tenne SchladmingIn der Hohenhaus Tenne im Tourismushotspot Schladming sieht man die Sache naturgemäß etwas anders. Betriebsleiter Benjamin Jarz, seit 15 Jahren im großen Disco-Stadl mit einem Fassungsvolumen von rund 1.200 Gästen tätig, erzählt, dass die Besuchszahlen nach wie vor stimmen. Dieser Umstand sei selbstverständlich den stetig steigenden Nächtigungszahlen von Schladming im Tourismus geschuldet. Nach dem diesjährigen Summer Opening mit rund 31.000 Besuchern war die Tenne gut besucht, am meisten nach dem Auftritt von Roland Kaiser. Aber auch Kult-Raver Scooter sorgte nach seinem Auftritt noch für Stimmung in der Tenne – ebenso wie einst Robbie Williams, Campino von den Toten Hosen und viele andere internationale Stars.
Im Sommer wird freitags und samstags gefeiert, im Winter täglich. Das Publikum reiche dabei von 16 bis 70 Jahre. „Die Leute, die ja wirklich aus aller Welt kommen, tanzen bei uns immer noch gerne ab“, erzählt Jarz. Besonders die Niederländer und Dänen hätten beim Feiern nach wie vor die Nase vorn. Die Herausforderungen liegen für ihn heute weniger im Besuchermangel als in der Logistik großer Veranstaltungen und bei laufenden Renovierungsarbeiten wie die bevorstehende Erneuerung der Schank- und Kühltechnik.
Institution Gabriel
Ortswechsel nach Irdning: Wo es früher elf Wirtshäuser gab, gibt es heute noch drei Überlebende. Eines davon ist „Das Gabriel“ mit der legendären, dazugehörigen Discothek. Andreas Gabriel führt heute den Familienbetrieb. Der Schwerpunkt liegt mittlerweile klar im Cateringgeschäft „und wird es auch weiterhin bleiben“. 21 Hochzeiten stehen heuer bereits im Kalender, dazu Geburtstagsfeiern, Firmenveranstaltungen und Familienfeste. „Wir kochen vor Ort und haben eine Kapazität von bis zu 1.000 Gästen.“ Von Burgern über Bowls bis Sushi erfüllt der leidenschaftliche Koch nahezu jeden Kundenwunsch. Von der Tischwäsche bis zum Sektglas, vom Zelt bis zum DJ setzt er mit seinen Kooperationspartnern sämtliche Veranstaltungswünsche um. Die 1964 eröffnete Discothek war für viele mehr Zuhause als Tanzlokal. Heute öffnet das Gabriel nur noch zu besonderen Anlässen oder für Privatveranstaltungen. Maturaball-Pre-Partys, Ü-30-Partys, Schlagerabende oder die Aftershow-Partys des Irdninger Bierzelts locken nach wie vor zahlreiche Besucher an.

Die Kult-Disco Gabriel in Irdning weckt bei vielen Generationen Jugenderinnerungen.
„Immer fesch beinand“
Andreas Vater, ist vielen noch von früher bekannt. „Kannst ruhig schreiben, dass der oide Sepp immer noch aufpasst. Das Lokal hab i immer sauber gehalten von Damische. Die Leute haben gewusst, dass man die Jugend zu uns schicken kann“, wird er beim Gespräch am Vormittag im leeren Tanzlokal nostalgisch. „Die Jugend“ meint er „war nie so klass wie jetzt. Es gibt überhaupt keine Wickel mehr, sie sind immer fesch beinand und wollen einfach entspannt abfeiern.“ Sohn Andreas bemerkt auch, dass das Handy bei den Veranstaltungen vermehrt beiseite gelegt wird. „Einzig die Tanzmoves werden halt heutzutage gefilmt und dann gleich gepostet, das gehört eben dazu.“ Senior und Junior sind sich einig, dass der Todesstoß der Discos Corona war. Davor war Mittwoch, Freitag und Samstag geöffnet, danach explodierten die Kosten: Energie, Personal, AKM, gesundheitstechnische Auflagen, Renovierungen – alles Kosten, die man nicht an die Endverbraucher weitergeben kann – unterm Strich bleibt da nichts mehr über. Vor zehn Jahren beschäftigte die Gabriel GmbH mit Restaurant, Lounge und Disco noch 36 Vollzeitangestellte. Voriges Jahr wurde von elf auf zwei Vollzeitkräfte reduziert.
Public Viewing & Co.
In der Hohenhaus Tenne in Schladming und in der Altstadt in Windischgarsten konzentriert man sich derzeit auf ein gutes Angebot für WM Public Viewing. Solche Chancen darf man nicht auslassen. Ob die Ära der Discotheken wirklich vorüber ist oder ob neue, moderne, gesündere Formate einfach nur eine Trendwende herbeiführen und den Räumlichkeiten, die so viele Geschichten beherbergen, neues Leben einhauchen können, wird sich zeigen. Die Immobilienpreise für leerstehende Tanzlokale fallen derzeit auf jeden Fall in den Keller. ◻
Text: Christian König |
Fotos: Hohenhaus Tenne Schladming, Gabriel Irdning