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| Wirtschaft & Karriere

Im Takt der Zeit


Zeit lässt sich nicht festhalten, aber in der Uhrmacherei Binder in Liezen wird dennoch täglich gegen die Vergänglichkeit gearbeitet. Zwischen winzigen Zahnrädern, feinen Federn und dem stetigen Ticken wird hier aus Stillstand wieder Bewegung, aus Defekt neue Präzision und aus der Vergangenheit ein neues Stück Zukunft.

Das Geschäftslokal im Jahr 1955
in der Ausseer Straße
Die Uhrmacherei Binder in Liezen, gegründet 1919 von Franz Binder, ist seit über einem Jahrhundert fixer Bestandteil der Region. In dritter Generation verkaufen hier die Geschwister Lisa und Heinz Michalka Uhren und Schmuck – vor allem aber wird repariert, zerlegt, gereinigt und wieder zum Laufen gebracht. Entgegen aller Digitalisierung wächst die Nachfrage nach klassischen Armbanduhren wieder. „Die Leute kommen vermehrt zur Reparatur“, erzählt Heinz Michalka. Jede mechanische Uhr trägt ein Innenleben aus Zahnrädern in sich, ein kleines Universum aus Präzision. In Zeiten, in denen uns das Smartphone stets die Uhrzeit liefert, hat sich die Bedeutung der Uhr verändert. Sie ist heute Schmuckstück, Statussymbol oder Ausdruck von Individualität.

Wo die Zeit wohnt

Uhrmacher MartinUhrmacher Martin Michalka bei der
Arbeit, die höchste Präzision, Geduld
und handwerkliches Geschick
erfordert.
Die Geschichte des Hauses reicht weit zurück. Das alte Bürgerhaus, erstmals im 16. Jahrhundert erwähnt, war einst eine Gerberei. Spätere Bewohner kontrollierten die Weintransporte des Stifts Admont. In den 1940er-Jahren erwarben die Großeltern das Gebäude und prägten es nachhaltig. Die Großmutter als kreative Kraft im Hintergrund, der Großvater der klassische Uhrmacher. Auch Lisa und Heinz Michalka wuchsen zwischen Werkbank und Verkaufsraum auf. „Eigentlich sind wir nie gefragt worden, was wir werden möchten“, sagt Lisa schmunzelnd. Die Mutter führte das Geschäft sehr lange, bis zuletzt als „graue Eminenz“ im Hintergrund präsent. Heute leiten Lisa und Heinz gemeinsam den Betrieb. Heinz Michalka ist Uhrmachermeister, Schwester Lisa Michalka verantwortet als Einzelhandelskauffrau den kaufmännischen Bereich. Zusätzlich sind die Geschwister auch Edelsteinexperten und können bei Begutachtungen ganz genau zwischen echten und synthetisch hergestellten Edelsteinen unterscheiden. Und auch die Zukunft ist gesichert: Lisas Sohn, Absolvent der HTL in Trieben und ebenfalls der Uhrmacherschule in Karlstein an der Thaya, wird die Tradition in die nächste Generation führen.

Wenn die Zeit stehenbleibt

Uhren herzustellen gehört längst nicht mehr zum Profil eines Uhrmachers. Der Schwerpunkt liegt auf Service und Reparatur. Genau hier zeigt sich die ganze Kunst des Handwerks. Oft sind es winzige Defekte, kaum sichtbar mit bloßem Auge: ein verbogener Zahn im Räderwerk, verschlissene Lager, unsachgemäße Eingriffe früherer Reparaturversuche. „Manchmal braucht es viel Geduld und Gehirnschmalz, bis man den Fehler findet“, weiß Heinz aus Erfahrung. Doch genau darin liegt für ihn auch der Reiz. Das Erfolgserlebnis, wenn ein Uhrwerk nach dem Stillstand wieder zu ticken beginnt, ist es, was die Freude am Beruf für ihn ausmacht. Viele Kunden sind überrascht, wie rasch eine Reparatur oft gehen kann. Gleichzeitig gilt: Handel und Service sind untrennbar miteinander verbunden. Ohne Reparatur kein nachhaltiger Verkauf – und umgekehrt. Das Herzstück jeder mechanischen Armbanduhr ist übrigens die sogenannte Unruhe – sie teilt die Zeit durch gleichmäßiges Hin- und Herdrehen in präzise Einheiten, wodurch das typische Ticken entsteht.

Team Uhren Schmuck Binder, Liezen

Das Team mit Heinz Michalka (l.), Verkaufsberaterin Michelle
Konrad und Lisa Michalka (2. v.r.) mit Sohn Martin.

Suunto – from Finland

Ein zweites Standbein hat sich die Uhrmacherei mit modernen Sportuhren aufgebaut. Als einziges offizielles Servicecenter in Österreich betreut der Betrieb die finnische Marke Suunto. Diese Geräte gehören zu den wenigen digitalen Uhren, die überhaupt reparierbar sind. Über eine digitale Anbindung an die Servicezentrale in Vantaa, nahe Helsinki, ist man Teil eines weltweiten Netzwerks. So bleibt auch bei Uhrmacher Binder die Zeit nie stehen. Für Lisa ist sie ein kostbares Gut. Für Heinz vor allem eines: ein Zeichen der Vergänglichkeit. Doch in der Werkstätte in Liezen wird dieser Vergänglichkeit täglich etwas entgegengesetzt – mit ruhiger Hand, scharfem Blick und dem festen Willen, die Zeit am Laufen zu halten. ◻

Text: Christian König | Fotos: Binder, König