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Foto: Thomas Sattler/NP Gesäuse
| Wirtschaft & Karriere

So schmeckt die Region: Darfs ein bisserl mehr sein?


Ja bitte, und ein Tratscherl gleich dazu! Kleine Nahversorger kämpfen vielerorts ums Überleben. Dabei sind sie oft das Herz eines Ortskerns. Im Gesäuse, wo die Herausforderungen durch Saisonabhängigkeit zusätzlich spürbar sind, hält ein Familienbetrieb seit neun Jahrzehnten die Stellung: die Bäckerei Kämmerer in Altenmarkt bei St. Gallen.

Es beginnt oft schleichend. Zuerst sperrt der Wirt zu, dann der Greißler. Übrig bleiben Ortskerne, denen Stück für Stück das Leben verloren ging. Durch unsere Mobilität haben sich viele Menschen daran gewöhnt, den Großeinkauf in weiter entfernten Supermärkten zu tätigen. Der kleine Nahversorger vor Ort wird dann oft nur mehr genutzt, wenn etwas vergessen wurde, obwohl es auch hier immer Sonderangebote gibt, die Geld sparen. Doch Nahversorgung bedeutet auch Begegnung und Austausch. Fällt dieser Treffpunkt weg, droht besonders bei älteren Menschen gesellschaftliche Isolation. Gerade im Gesäuse zeigen sich diese Herausforderungen besonders deutlich. Während Nationalpark und sanfter Tourismus im Sommer viele Gäste in die Region bringen, werden der Winter und die Zwischensaisonen zum Überlebenskampf.

Flexibilität als Überlebensstrategie

ND5 4571 3Günter und Luise Kämmerer führen den Betrieb in dritter Generation. (Foto: Ing. Friedrich Baumann)Die Bäckerei und der Nahversorger Kämmerer in Altenmarkt bei St. Gallen wurde 1936 von Großvater Kämmerer gegründet. Heute führen Günter und Luise Kämmerer in dritter Generation den Familienbetrieb und damit auch eine der letzten Bäckereien im Gesäuse. Seit 2021 wird der Nahversorger – der sich in einem denkmalgeschützten, rund 450 Jahre alten Haus mitten im Ortskern befindet – unter der Marke ADEG geführt. Trotz 90-jährigem Bestehen und kreativen Nebengeschäften ist die Zukunft ungewiss. Zusätzlich werden ein Getränkehandel und Partyservice betrieben, Bestell- und Zustellservices geboten und sogar Workshops für Schulen und Kindergärten veranstaltet. „Flexibilität ist für uns zur Überlebensstrategie geworden“, sagt Günter Kämmerer. Sonderwünsche? Kein Problem. Braucht ein Wirt oder eine Veranstaltung kurzfristig etwas am Wochenende, stehen auch dann die Türen offen. „Wir haben sowieso praktisch täglich 24 Stunden geöffnet. Wenn Günter liegen geht, fängt der erste Mitarbeiter schon wieder an“, erzählt Luise Kämmerer über den Familienalltag.

amRadAls die Semmel noch 10 Groschen kostete: Großmutter Kämmerer bei der Brot- und Semmelauslieferung anno 1936. 

24/7 Teamwork

Wer die Bäckerei Kämmerer kennt, weiß, dass der Betrieb als ein eingespieltes Team funktioniert. „So einen Betrieb kann man nur als Familie mit starkem Zusammenhalt und mit einem Team mit großem Engagement erhalten. Wir haben das große Glück, dass wir beides haben, sonst würde es uns schon lange nicht mehr geben“, beschreibt Luise Kämmerer das Miteinander mit Familie und Angestellten. Während Günters Mutter für die Familie kocht und sich in der Früh um das Kind kümmert, unterstützen Luise und Günter bei Arztbesuchen oder anderen Aufgaben. Jeder hilft jedem. Fallen Luise und Günter einmal aus, springt bereits der ältere Sohn von Günter ein. Punkt Mitternacht startet die Arbeit in der Backstube. Ab fünf Uhr früh wird ausgeliefert. „Um sechs Uhr ist die Hütte voll“, sagt Luise lachend. Schichtarbeiter, Handwerker und Schüler holen sich dann frisch belegte Brote, liebevoll vorbereitete Jausenvariationen oder ganze Jausenplatten. Bestellungen gehen nebenbei per Telefon und WhatsApp ein und werden ausgeliefert.
Insgesamt beschäftigt der Familienbetrieb elf Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit. „Wir können keine großen Sprünge machen, aber wir schauen, dass wir Schritt für Schritt immer wieder etwas modernisieren“, erzählt der Bäckermeister über die zuletzt angeschaffte vollautomatische Semmelanlage. Eine bedeutende Investition für das Zeitmanagement des Betriebs, die mit hohen Kosten verbunden ist, für die Kunden unsichtbar bleibt und mitverantwortlich ist, dass das Weckerl eben ein paar Cent mehr als im Supermarkt kostet.

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„Fahr nicht fort, bleib im Ort“

adeg9 Jahrzehnte Bäckerei Kämmerer
werden 2026 bereits gefeiert. (Foto: Adeg)
Besonders sichtbar wird die Bedeutung des Betriebs aber vor der Tür. Selbst im Winter, wenn eisige Gesäusekälte durch Altenmarkt zieht, bleiben viele Kunden nach dem Einkauf noch lange vor dem Geschäft stehen. Dann wird getratscht, gelacht und diskutiert. Und auch Veranstaltungen wie das beliebte Gassenfest, das gemeinsam mit der Musikkapelle organisiert wird, und dessen Reinerlös der Musi zugutekommt, hängen am Engagement und Fortbestand des Familienbetriebs. Doch häufig wird der Bevölkerung leider erst bewusst, was sie verloren hat, wenn die Türen bereits geschlossen bleiben. ◻