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Foto: Christoph Huber
| Menschen

Es wird wieder "Stiller"


Das alte Kino in Gröbming ist ein sonderbarer Ort, der irgendwo zwischen den Zeiten liegt, halb im Gestern, ganz in Rot. Die Sitze, heute allesamt leer. Im schalldichten Raum herrscht Stille. Doch „weil die Zeit vergeht“, wird es bald Stiller sein – der hier am 24. Oktober den Saal wieder zum Beben bringt.

Stiller, die Hauptfigur in Max Frischs berühmtem Roman, versucht, seine eigene Identität abzuschütteln. Auch der Gröbminger Musiker Klaus Meissnitzer legt sich musikalisch nur ungern fest. Sein neues Alter Ego heißt Klaus Maria. Ein anderer Name, vielleicht eine andere musikalische Figur – aber dasselbe Medium, durch das die Dinge in die Welt kommen.

Don’t cry for me Argentina

Ein österreichischer Skilehrer, der in den Bergen Patagoniens arbeitet, verliebt sich in eine Stewardess der Aerolíneas-Argentinas. Das ist entweder der Anfang eines Witzes oder der Grund, warum Klaus Meissnitzer sein erstes Lebensjahr in Argentinien verbrachte. In diesem Fall ist es zweiteres. Bis zum Kindergarten spricht Klaus nur Spanisch – dann heißt es „don’t cry for me Argentina“ und „Griaß di“ im Ennstoi – zuerst in Haus und dann in Mitterberg. Eine Story wie aus den „Motorcycle Diaries“. Klaus erlebt wunderbar analoge Kindertage. Seine ersten musikalischen Freunde heißen Beethoven, Mozart und Brahms und schauen meistens schon zum Frühstück vorbei. Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ haben es Klaus besonders angetan, also präsentiert er die vier Violinenkonzerte des italienischen Meisters eines Tages seinen Klassenkameraden in der Volksschule. Die zeigen sich jedoch weniger begeistert als erwartet. Naja, vielleicht blieb ja da bereits die Kenntnis zurück, dass es manchmal eben etwas länger dauert, bis andere für die Musik bereit sind, für die man brennt.

Ennstal rocks

Mit acht Jahren sitzt Klaus brav mit der klassischen Gitarre am Schammerl von Hans Gruber und erlernt die Grundlagen des Gitarrenspiels. Mit zehn hört er das erste Mal das Rote Album der Beatles, was spätestens ein paar Jahre darauf zur Folge hat, dass er sich der E-Gitarre zuwendet und beginnt, erste Songs zu schreiben. Eine Textzeile eines seiner ersten Songs „Hey Mss. Molly“ kommt ihm beim Erzählen wieder in den Sinn: „Please teach me how to fly, how to climb …“ – vielleicht die süße Erinnerung an eine anbetungswürdige Lehrerin. Vierzehn oder fünfzehnjährig gibt er schließlich den Frontman in seiner ersten Band „The Less“, die er mit Schulfreunden gründet und in der auch der heutige Schauspieler Lukas Walcher in die Gitarrensaiten schlägt. Die Bandmitglieder sind sich bis heute freundschaftlich verbunden und einig, dass die Zeit bis zur Matura, mit den vielen Auftritten an jeder Ecke des Ennstals, etwas ganz Besonderes war. So um 2006 herum ist das Tal von einer umtriebigen Musikszene belebt, die lokale Helden wie die New School Rockband „Trouts oft the Trauntide“ aus Bad Aussee oder „The Jerx“ aus Graz an die Oberfläche spült, mit denen „The Less“ bei legendären Festen wie dem „Mixed Rock“ in der Puttererseehalle zusammenkommen.

Learning to fly

Nach der Matura an der AHS Stainach hat Klaus zunächst keinen besonders ausgefeilten Lebensplan. Er fliegt für vier Monate nach Argentinien, um seine Familie zu besuchen und ein bisschen herumzufahren, schauen, was passiert. Was bekanntlich die zuverlässigste Methode ist, um herauszufinden, was passiert. Besonders ein Cousin scheint auf dasselbe Instrument gespannt zu sein wie Klaus, und die beiden begeben sich gemeinsam auf einen Trip durch Nordargentinien, das geprägt ist von extremen visuellen Reizen. Ein Roadtrip im psychedelischen Farbenspiel. Landschaft, Musik und die endlosen Busfahrten beginnen ineinanderzufließen, während die Anden vorbeiziehen. In Argentinien kommt plötzlich Pink Floyd dazu und damit eine völlig andere Vorstellung davon, wie Musik funktionieren kann. Die Reise wirkt wie ein Teebeutel voller Eindrücke, den sich Klaus in die Seele hängt und aufsaugt, auch Jahre später ist der Geschmack immer noch da. „Alles blieb irgendwo hängen. Erst viele Jahre später habe ich erkannt, wie stark diese Reise meine Musik beeinflusst hat.“ Viele der damals auf einem Diktiergerät festgehaltenen Songs reifen erst später zur Vollendung. Mit dem Cousin, der ein musikalischer Begleiter blieb, entsteht zurzeit ein gemeinsames Album.

„Irgendwie Magic“

Konkreter wird es dann in den Dreißigern. Die Band Amanda formiert sich und Stiller erblickt das Licht der Welt. Mit Amanda entstehen drei Alben, mit Stiller ebenfalls. Amanda bewegte sich irgendwo zwischen sphärischem Rock und leichten alpenländischen Einflüssen, gespeist aus den großen Rockjahren der Siebziger: Camel, Caravan, Soft Machine und dem ausufernden Kosmos des Progressive Rock. Stiller geht stärker in Richtung „Austropop“, allerdings mit Dialekt und genialen Jodelelementen mit markanter Schräglage. „Santiago“ war die erste Single. Ein Song, den Klaus bis heute für einen der besten hält, den er geschrieben hat: „konkret, kompakt, auf den Punkt gebracht“. Klaus schreibt vollkommen willkürlich. Monate kann gar nichts passieren. Kein Song, kein brauchbarer Gedanke, nichts. Und dann macht es plötzlich „Peng“ und innerhalb eines Monats entstehen mehrere gute Songs. Klaus kann bis heute nicht genau sagen, was man tun muss, um diesen Zustand herbeizuführen - „Das ist irgendwie Magic!“ Dann hinterlässt eine restlos ausverkaufte Show im Kino Gröbming nicht nur bei allen Beteiligten in Band und Publikum das Gefühl, dass da jetzt was Großes losbricht, sondern auch die Visitenkarte eines Labels, das ins Geschäft kommen möchte. Doch der Lockdown will es anders – Zack, Vorhang runter und schön brav zuhause bleiben. Und es wurde Stiller.

Foto: Reza Sarkari/ www.fotografwien.at

Neue Wege, neue Töne

Mit dem Projekt „Gestern hots grengnt“, dem preisgekrönten bebilderten Hörspiel des befreundeten Fotografen Christoph Huber über die Königsreichalm, findet erstmals „Klaus Maria“ seinen Weg aus Klaus Meissnitzer heraus. Christoph bittet um einen Song woraus weit mehr entsteht. Auf seinem Mobiltelefon hat Klaus Hunderttausende Audioskizzen – kleine Melodien, Ideen, Fragmente, musikalische Geistererscheinungen, die irgendwann einmal aufgetaucht und dann dort liegen geblieben sind. Mit „Gestern hots grengnt“ bekommt dieses musikalische Geheimarchiv ein Gesicht. Eines das nach Almwiesen und Morgentau auf der Königsreichalm riecht. Klaus lernt dabei den Geigenvirtuosen Toni Burger kennen. Im Sommer 2026 kommt es im Rahmen von La Strada im Minoriten Hof in Graz erstmals zu einem gemeinsamen Konzert. Mit Klaus Maria tritt Meissnitzer in eine insturmentale Umlaufbahn. Die beiden probieren sich durch die unterschiedlichsten Instrumente, lassen Klänge aufeinanderprallen und zwischendurch einfach einmal einen Jodler los. Ein archaischer Urklang, der irgendwo tief aus Meissnitzers Innerem aufsteigt, sich durch Klaus Maria in etwas Neues verwandelt und schließlich beim Publikum landet. Was dort passiert, lässt sich schwer erklären – aber ziemlich gut spüren. ◻