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LBN-Collage, Fotos: Sabine Giselbrecht, Adobe Stock
| Menschen

Unsere Bäuerinnen – mit Herz, Hof und Weitblick: Sabine Giselbrecht


Sabine Giselbrecht hat sich durch London, Südamerika und Ghana bewegt, bevor sie ausgerechnet im Ennstal Wurzeln schlug. Heute lebt sie mit ihrem Mann Georg und den drei Kindern am Ringdorferhof in Gröbming. Ein Hof mit mehr als 900 Jahren Geschichte, einer Kapelle im Garten und einem weiten Blick ins gegenüberliegende Sölktal.

„Dem Herzen folgen und  sich Träume erfüllen“:  Die gebürtige Bayerin mit ihrem Mann Georg und  den drei gemeinsamen Kindern.„Dem Herzen folgen und sich Träume erfüllen“: Die gebürtige Bayerin mit
ihrem Mann Georg und den drei gemeinsamen Kindern.
Wenn es zwischen Georg und mir nicht so gefunkt hätte, wäre ich nicht geblieben“, sagt Sabine und rührt ihren Kaffee um. Der strahlende Herbsttag dringt farbenprächtig durch das Küchenfenster. „Aber er ist bis heute meine große Liebe und mein bester Freund.“ Mit dem Leben am Hof verändert sich auch Sabines Blick auf die Landwirtschaft. Die Frau, die aus Überzeugung kein Fleisch gegessen hat, lernt die Arbeit mit den Kühen aus nächster Nähe kennen. Sie entdeckt, wie viel Arbeit hinter Lebensmittelproduktion steckt und wie eng das Leben hier mit den Jahreszeiten verbunden ist. „Ich habe gemerkt, dass ich als Weltverbesserin in vielerlei Hinsicht ziemlich voreingenommen war“, sagt sie. Als Seminarbäuerin vermittelt Sabine heute den Wert regionaler Lebensmittel. Fleisch isst sie inzwischen wieder, doch der sorgsame Umgang mit Lebensmitteln ist ihr nach wie vor wichtig. Mit ihrem Projekt Die Milchreise möchte Sabine Kindern zeigen, woher die Milch kommt und wie viel Arbeit in einem Glas davon steckt. Im Rahmen von Schule am Bauernhof empfängt sie demnächst ihre erste Schulklasse.

Leben mit leichtem Gepäck

Sabine stammt aus Amberg in der bayerischen Oberpfalz. Der Vater Lehrer, die Mutter Zahntechnikerin. Nach der Schule ist die Abenteuerlust nicht mehr zu bändigen. Mit 19 geht sie für ein halbes Jahr nach London, wo sie als Empfangsdame in einem Vier-Sterne-Hotel arbeitet. Sie liebt das internationale Flair der Metropole. Menschen aus aller Welt, fremde Sprachen, neue Eindrücke. Ihr wird klar, sie will in den Tourismus. Zurück in Deutschland macht sie eine Hotelfachlehre in München. Ein großes Hotel mit 600 Zimmern, hunderten An- und Abreisen und über tausend Frühstücke am Tag sind eine gute Schule. Sie lernt schnell, besser nie mit leeren Händen herumzulaufen und auch dann freundlich zu bleiben, wenn es drunter und drüber geht. Nach der Lehre wird erneut der Ranzen geschnürt. Mit einer Freundin geht es ein Jahr quer durch Südamerika. Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Argentinien, Uruguay und Brasilien. Die beiden reisen mit wenig Gepäck und dem Gefühl von absoluter Freiheit. Unterwegs arbeiteten sie in Hotels für Kost und Logis, manchmal auch für ein wenig Taschengeld. Kolumbien – ausgerechnet das Land, das sie zunächst aus Angst vor der Sicherheitslage auslassen wollten – beschert ihnen eine überwältigende Gastfreundschaft. Die Eindrücke verändern Sabines Blick auf die Welt. Sie erlebt Armut, sieht die Folgen des Plastikmülls und beginnt, sich intensiv mit Umweltfragen auseinanderzusetzen. Sie will Dinge verändern, wird Vegetarierin und Greenpeace-Aktivistin, entscheidet sich, internationale Forstwirtschaft zu studieren, absolviert Auslandssemester in Ghana und Kolumbien und beschäftigt sich mit Umweltbildung und Ökotourismus. In Ghana bringt sie Hotelmitarbeitern europäische Servier- und Tischkultur näher. In Kolumbien arbeitet sie auf einer riesigen Forst- und Agroforstplantage am Rand des Dschungels, pflegt Cashewbäume und hilft dabei, Schildkröteneier vor Raubtieren zu schützen. Einmal erblickt sie nachts einen Leoparden. Das alles ist kein schlechter Stoff für ein Leben, das gerade seine ersten Kapitel schreibt. Doch was ihre Rolle als Weltverbesserin betrifft, erwachen mit der Zeit auch kritische Stimmen in ihr. Was auf ihren Reisen in Sabine wächst, ist vor allem der Respekt vor anderen Kulturen und Lebensweisen. Sie erkennt, dass es nicht darum geht, anderen die Welt zu erklären, sondern zunächst einmal ihre zu verstehen. Diese Erkenntnis lässt sich nicht aus Büchern lernen. Sie entsteht irgendwo unterwegs, auf staubigen Landstraßen, in fremden Städten, weit weg von daheim, durch Begegnungen, Erfahrungen und eigene Irrtümer. Es ist eine jener Lektionen, die das Reisen einem mitgibt, die einen innerlich wachsen lassen und ein Leben lang nachwirken. Auch später im Ennstal wird Sabine dieser offene Blick helfen.

Giselbrecht Ausland

Ein verschwommenes Foto

Georg Giselbrecht ist hauptberuflicher Landwirt. Auch er hat seine eigenen Ideen aus der Welt mitgebracht. Während eines Praktikums in Kanada lernt er den drehbaren Brunstkalender kennen, mit dem sich die 120 Kühe der Farm übersichtlich verwalten lassen. Er bringt das System nach Österreich, entwickelt es weiter und verkauft seit 2009 seine eigenen Brunstkalender über farmergeorge.at. Kennengelernt haben sich die beiden über eine Internet-Partnerbörse. Sabine, damals 29, stieß auf das verschwommene Profilbild von Georg: Milchbauer, 34 Jahre, sucht … „Zuerst dachte ich: Was will ich denn mit einem Milchbauern? (lacht) Aber er hat so unglaublich lieb geschrieben, dass ich neugierig wurde. Schließlich hat er mich gefragt, ob ich nicht einen Sommer lang als Sennerin auf seiner Alm im Putzental verbringen möchte. Ganz geheuer war mir die Sache anfangs nicht, deshalb wollte ich eine Freundin mitnehmen. Bevor es auf die Alm ging, haben wir uns in Salzburg getroffen und stundenlang über Gott und die Welt geplaudert – vor allem darüber, wie wir uns eine Beziehung vorstellen und was uns im Leben wichtig ist. Nach diesem Gespräch war mir klar, dass ich mich verliebt habe.“ Die Funken, die es dann auf der Alm sprüht, besiegeln die Sache. Mit 30 zieht Sabine ins Ennstal. Aus der Weltreisenden wird eine Bäuerin.

Ankommen ist auch eine Reise

Traditionelle Almwirtschaft und Jausenstation: Im malerischen Talschluss des Kleinsölktals oberhalb  des Schwarzensees wird die Putzentalalm betrieben.Traditionelle Almwirtschaft und Jausenstation: Im malerischen Talschluss des Kleinsölktals oberhalb
des Schwarzensees wird die Putzentalalm betrieben.
Im weitläufigen Garten des Ringdorferhofs steht eine kleine Kapelle aus den 1970er-Jahren. Die drei Kinder von Sabine und Georg wurden alle dort getauft. Wenn Sorgen drücken oder jemand gestorben ist, zündet die Familie darin eine Kerze an. Das Leben am Ringdorferhof hält sich nicht an die Dramaturgie eines Reiseromans. Es gibt gute Jahre, harte Jahre und Dinge, nach denen man sich nicht einfach auf einer Landkarte neu orientieren kann. Zu den drei Kindern, die heute am Ringdorferhof aufwachsen, gehören auch fünf Sternenkinder zur Geschichte der Familie.
Sabine findet, dass man über solche Verluste reden sollte, statt sie in Schweigen zu hüllen. Der Verein „Die Pusteblume“ hat der Familie in diesen Zeiten sehr geholfen. Diese Erfahrungen ändern nichts an der Dankbarkeit, die Sabine empfindet. Auch wenn sich die Weitgereiste erst einmal daran gewöhnen musste, dass am Ringdorferhof die Kühe den Tagesrhythmus vorgeben. Dazu weniger Anonymität, mehr Nähe und teilweise andere Vorstellungen von den Rollen einer Frau. Seit Juli 2026 vermieten die Giselbrechts zwei Appartements. Für Sabine fühlt sich das wie eine Rückkehr zu ihren beruflichen Wurzeln an. Gäste aus Israel, Holland und der Ukraine waren schon da. Urlaub am Bauernhof ist unerwartet unkompliziert und schnell angelaufen. „Ich reise zwar nicht mehr so wie früher, aber jetzt kommt die Welt zu mir“, sagt Sabine lachend. Mit einem Lehrgang am LFI in Gröbming hat sich Sabine zur Seminarbäuerin gemacht, gibt Kochkurse, meist vegetarische, und sieht sich als Botschafterin für regionale Lebensmittel. Mit ihrem Programm Die Milchreise vermittelt sie Kindern im Rahmen von Schule am Bauernhof, dass Milch nicht im Supermarktregal geboren wird, denn die Verbindung zwischen Produzenten und Konsumenten möchte sie gerne wieder enger sehen. Auch der Wald gehört zu ihrem Klassenzimmer: Bäume erkennen, den Boden unter den Füßen spüren, Natur nicht nur auf einem Bildschirm anschauen. Ihre Philosophie klingt einfach: dem Herzen folgen und sich Träume erfüllen. Nach all den Jahren unterwegs hat Sabine Giselbrecht offenbar einen Ort gefunden, an dem beides möglich ist. Einen Ort mit alten Wurzeln, offenen Türen und genügend Platz für das nächste Abenteuer. ◻

 

Foto: Sabine Giselbrecht