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Aus dem Leben eines Amphibolits im Gesäuse

Das Leben eines Steins hat oft schon vor unvorstellbar langer Zeit begonnen. Und darum hat so ein Stein auch viel zu erzählen. Lassen wir deshalb an dieser Stelle einen zu Wort kommen ...

Aus dem Leben eines Amphibolits im Gesäuse Foto: Claudia Prommegger – kommunikations-design.com

„Das war eine Überraschung als ich nach 12.000 Jahren wieder einmal das Tageslicht erblickt habe. Ein Apfelbaum mit gutem Blick auf die Gesäuseberge hat seine Wurzeln immer fester um mich wachsen lassen. Nun hat ein wilder Sturm den Baum entwurzelt. Wer ich bin? Ein fast kugelrund abgeschliffener Amphibolit. Lange bin ich mit meinen Kollegen, anderen abgerundeten Felsen und Steinen, hier gelegen, nachdem wir eine längere, unbequeme Reise machen mussten. Wir sind irgendwo im Sölktal gestartet. Ein Eispanzer hat sich plötzlich über die Alpen gelegt und ein Eisstrom uns einfach ungefragt mitgenommen und durchs Ennstal gewälzt. Viel von meiner ursprünglichen Gestalt habe ich dabei verloren, dafür bin ich am Ende gut abgerundet im Obstgarten als Teil einer Endmoräne liegen geblieben.

Wie ich ins Sölktal gekommen bin? Das ist eine andere Geschichte. Ich bin ja nicht als Amphibolit auf die Welt gekommen. Die Niederen Tauern bestehen hauptsächlich aus Glimmerschiefer, die mit Marmor- und Amphibolitschichten durchzogen sind. Hierher sind wir durch die Gebirgsbildung gekommen. Der afrikanische Kontinent hat sich nicht aufhalten lassen und uns nach Norden geschoben. Ich und meine Nachbargesteine im Sölktal haben dabei eine Gesteinsumwandlung durchgemacht. Unsere tektonische Platte ist zerbrochen und unser Gesteinsstapel wurde vor über 60 Millionen Jahren bis zu 25 Kilometer tief in die Erde gezogen. Es war endlich wieder warm, aber nicht so warm, dass ich wieder flüssig geworden wäre. Bei hohem Druck und Temperaturen von über 500 Grad konnte ich meine dunkelgrünen, stängeligen Hornblendekristalle, die Amphibole, viel besser als vorher wachsen lassen.

Was ich davor war und wie ich geboren wurde? Das war ganz tief im Meer, in der Mitte eines Ozeans und das war schon vor über 200 Millionen Jahren. Flüssig war ich davor im Erdmantel und bin über Spalten an einem Mittelozeanischen Rücken als Basaltlava ausgeflossen. Über viele Jahrmillionen hat dieser erstarrte Basalt neuen Ozeanboden entstehen lassen. Viel davon ist inzwischen wieder im Erdmantel verschwunden, ich bin aber jetzt noch da. Mein Alter sieht man mir nicht an, habe ich doch eine Verjüngungskur hinter mir. So rund wie ich jetzt bin, ist nur mehr ein Teil von mir übrig.“

 

Steine lügen nicht, haben eine komplizierte Sprache und sind deshalb recht schwer zu befragen. Leichter wird’s mit einem Dolmetscher, der „Steinisch“ spricht.

Mag. Wolfgang Riedl

Dolmetscher für Geologie
8913 Weng im Gesäuse 92

https://www.steinundzeit.at
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