Die Kunst des schönen Schreibens
Der Name Kalligrafie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Kunst des schönen Schreibens“. Doch bei Erni Winkler ist es weit mehr als das. Für sie ist die meditative Tätigkeit eine Übung in Achtsamkeit und Konzentration.
Ein leises Kratzen am Papier, grüne Holzbeize, die in eleganten Schwüngen mit teils stärkerem, teils schwächerem Druck auf die Feder über das Papier gezogen wird. Was so mühelos und elegant aussieht, ist in Wahrheit höchste Konzentration und die große Leidenschaft von Erni Winkler. In Höhenfeld bei Haus im Ennstal widmet sie sich einer Kunst, die in unserer schnelllebigen Zeit fast vergessen scheint: der Kalligrafie.
Federstrich mit Seele
„Man muss bis zum letzten Millimeter dabeibleiben“, erklärt Erni. Ablenkung hat hier keinen Platz, kein Radio, kein Fernseher, der nebenbei läuft. Und doch wirkt alles leicht, fast spielerisch. Ein paar Bögen, ein paar Schlaufen und plötzlich steht da ein kunstvoller Schriftzug in englischer Schreibschrift. Was so elegant aussieht, ist das Ergebnis jahrelanger Übung. Denn Kalligrafie ist eine lebendige Kunstform, die sich über Jahrtausende entwickelt hat. Hunderte, vielleicht tausende Schriften existieren – von westlichen Stilen über asiatische bis hin zur arabischen Kalligrafie. Für Winkler ist Schrift etwas zutiefst Persönliches. „Schrift ist so persönlich wie eine Stimme“, sagt sie. Ein handgeschriebener Brief, ein liebevoll gestaltetes Kuvert, all das sei selten geworden. Gerade deshalb übe diese Kunst heute eine besondere Faszination aus.
Mit ruhiger Hand und viel Gefühl entstehen bei Erni Winkler
Buchstabe für Buchstabe kleine Kunstwerke.
Feinschliff in Endlosschleife
Erni Winkler war schon immer kunstbegeistert. Zur Kalligrafie fand sie vor etwa 14 Jahren. Ihre Ausbildung führte sie zu namhaften Kalligrafen, von Andrea Felber über Peter Unbehauen bis hin zu Gisela zur Strassen. Noch heute besucht sie jedes Jahr mehrere Kurse, um sich weiterzuentwickeln. „Man könnte ein ganzes Leben lang zwei Schriften schreiben und es gäbe immer wieder etwas zu verbessern“, sagt sie. Tatsächlich liegt in der Wiederholung die Meisterschaft. Einen Buchstaben hundert Mal schreiben und beim hundertersten Mal wird er noch ein bisschen schöner – diese Hingabe macht die Arbeit fast meditativ. Ernis erste Schrift war die Unziale, eine historische Schriftform aus dem 7. oder 8. Jahrhundert. Heute beherrscht sie eine Vielzahl von Stilen: Kurrent, römische Kursive, Karolingische Minuskel oder Antiqua. Doch die Königsdisziplin bleibt die englische Schreibschrift für sie – filigran, präzise und voller Eleganz.
Wenn der Funke überspringt
Was als persönliche Leidenschaft begann, hat sich über die Jahre zu weit mehr als nur einem Hobby entwickelt. Vor rund zehn Jahren zeigte Winkler ihre Arbeiten erstmals in einer Ausstellung – mit überraschend großem positiven Echo. Seither sind ihre Kurse, die sie meist in der Mittelschule in Schladming abhält, sehr gefragt und meist ausgebucht. Zurzeit hält sie gerade den 35. Kurs ab – stets in kleinen Gruppen von maximal acht Teilnehmern bringt sie die Kunst des Schreibens näher. „Man lernt das Schreiben wieder wie ein Schulanfänger“, sagt sie schmunzelnd. Am ersten Abend stehen die Kleinbuchstaben im Mittelpunkt, am zweiten Tag folgen die Großbuchstaben und schon am dritten Tag entstehen erste Karten und Billets. Die Altersspanne reicht von 20 bis über 80 Jahre. „Meine älteste Teilnehmerin war 84 und hatte eine riesige Freude.“ Voraussetzungen braucht es kaum – außer Geduld. Und die Bereitschaft, sich auf die Langsamkeit einzulassen.
Weihnachtspost statt WhatsApp
Die Kalligrafie ist ein sehr günstiges Hobby. Geschrieben wird mit unterschiedlichsten Werkzeugen: Spitzfedern, Bandzugfedern, Bambus oder sogar improvisierten Cola-Pens – ein Stück Holzstift und eine zugeschnittene und gefaltete Coladose. Statt klassischer Tinte kommt oft Holzbeize zum Einsatz, die besonders gut fließt. Hochwertiges Papier sorgt für die nötige Stabilität. Neben Schriftbildern entstehen Karten, Bucheinträge oder kunstvolle Prägungen. Besonders beliebt sind auch Ernis Kurse in der Vorweihnachtszeit – Weihnachtspost, eine Rückkehr zu etwas, das viel zu oft nur noch durch eine schnelle WhatsApp-Nachricht ersetzt wird: persönliche Worte, von Hand geschrieben. Für Erni Winkler ist klar, dass sie diese Begeisterung noch lange weitergeben möchte. „Ich mache das so gerne, weil ich so eine Freude am Vermitteln habe“, sagt sie. Ihre Kurse starten wieder im Herbst. ◻

Text und Fotos: Christian König