Ein Leben im eigenen Grundton
In einer unscheinbaren Werkstatt in Admont versetzt Karl Maximilian Riedel Holz und Menschen in Schwingung. Seit vier Jahrzehnten baut er nun schon Drehleiern und andere historische Instrumente. Sein Handwerk ist ihm dabei längst zur Lebensphilosophie geworden. Denn der Instrumentenbauer ist überzeugt, dass alles miteinander in Schwingung steht und wir hier sind, um unseren ureigenen Grundton zu finden.
In der kleinen Werkstatt in Admont riecht es nach Holz und es fühlt sich ein wenig an wie in einem Museum. Die Wände sind voll mit historischen Instrumenten wie Drehleiern und anderen Streich- und Blasinstrumenten, deren Namen die meisten wohl noch nie gehört haben, jedes mit einer eigenen Persönlichkeit. Inmitten der Instrumente sitzt Karl Maximilian Riedel und wirkt so zufrieden wie jemand, der seinen Platz im Leben schon lange gefunden hat. Von Anfang an betrachtet er es als ein Privileg, von dem, was er am allerliebsten tut, leben zu können. „Was mich fasziniert, ist, dass ich handwerklich tätig bin, Ideen kreativ umsetzen kann und dass ich dabei die Musik habe – besser geht’s gar nicht“, strahlt der 79-Jährige.
Des Lebens Ruf
„Keine Minute möchte ich von meinem verrückten Lebenslauf missen“, sagt Riedel, der in München aufwächst und im Laufe seines Lebens insgesamt acht Berufe erlernt und vier Kinder aus zwei verschiedenen Beziehungen hat. Von seinem Vater, der Philosoph, Schriftsteller und Gastronom war, lernt er früh, dass es viele Wege gibt, ein erfülltes Leben zu führen. Als erstes absolviert er eine Lehre zum Elektromechaniker, dann eine Hotelfachschule, arbeitet als Koch, Chef de Rang und als Geschäftsführer in der Hotellerie. Dann der Einzug zur Bundeswehr – die zahlreichen Weiterbildungsmöglichkeiten ermöglichen auch ein Studium zum staatlich geprüften Bautechniker. Eine entsprechende Tätigkeit führt Riedel dort insgesamt zwölf Jahre aus, bis er merkt: „Das ist nicht mein mir zugedachtes Leben.“
Renaissance mittelalterlicher Klänge
Bei einem Baukurs für historische Instrumente kommt Riedel zum ersten Mal mit einer Drehleier in Berührung. Bei diesem Instrument, das seit dem 12. Jahrhundert nachweisbar ist, werden die Saiten von einem eingebauten Rad gestrichen, das über eine Kurbel bewegt wird. Der Ton entsteht durch Schwingung. Die Länge der Melodiesaiten wird über Tasten verändert, während ein gleichbleibender Ton im Hintergrund, der sogenannte Bordun, mitschwingt. Selbst Mozart komponierte Werke für die Drehleier. Über Jahrhunderte hinweg ist das Instrument in weiten Teilen Europas verbreitet. Auch in Österreich gehört es lange zum festen Klang der Volksmusik und lässt sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nachweisen. Vielerorts erlebt die Drehleier nun eine neue Blüte und dürfte heute weiter verbreitet sein als je zuvor. Neben Drehleiern baut Riedel aber auch andere Instrumente. Besonders beeindruckend ist eine Klangliege mit 39 Saiten, die auf cis gestimmt sind – ideal für Musiktherapie und Meditation. Wer darauf liegt, spürt die Schwingung im ganzen Körper, bis ein Gefühl von Ruhe entsteht. „Die Menschen fliegen dabei innerlich ein Stück“, sagt Riedel. Für ihn ist das kein Wunder: denn Musik bringe die Seele wieder in Einklang mit der Welt.
Die Rückkehr zum Grundton
Das mittelalterliche Saiteninstrument ist für Riedel eine Metapher auf das Leben selbst. Stets löst er beim Spielen der Drehleier jede Disharmonie am Ende wieder im konstant, im Hintergrund mitschwingenden Grundton auf. „Wir alle sollten unseren eigenen Grundton kennen und immer wieder darin schwingen. In diesem Grundton ist es uns möglich, all unsere Disharmonien aufzulösen. Ich bin der Meinung, dass viele Krankheiten entstehen, weil man in der Disharmonie bleibt“, ist Riedel felsenfest überzeugt. Doch wie findet man sich selbst und was ist meine Bestimmung? Diese Fragen sind einige der wenigen Dinge, die alle Menschen auf der Erde miteinander vereint – denn wir suchen alle nach denselben Antworten. Riedel fand seine mit der Drehleier. Die Vorstellung, alle Disharmonien in einem einzigen Grundton aufzulösen, ist jedoch schon ein uraltes philosophisches Konzept, das Ordnung, Einheit und Erlösung in einer Welt voller Widersprüche sucht. Was in der Musiktheorie der Auflösung von Dissonanzen im Grundton entspricht, wird in der Philosophie oft als Metapher für die Rückkehr zum Ursprung oder das Erreichen des Absoluten verstanden. Für den Instrumentenbauer mit den strahlenden Augen ist die Welt ein System von Schwingungen. „Musik, Körper, Gedanken – alles steht in Resonanz miteinander und das Schöne entsteht immer aus dem Zusammenklang des Verschiedenen“, sagt er.
„Positiver Egoismus“
Karl Maximilian Riedel spricht lieber vom „Schaffen“ als vom „Arbeiten“. „Schaffen ist für mich der Sinn des Lebens.“ Seine Lebenseinstellung nennt er „positiven Egoismus“. Wer sich selbst gut behandelt, kann auch anderen helfen. Reichtum misst er dabei nicht in Geld, sondern in Freiheit. „Ich bin reich, weil ich jeden Tag tun darf, was ich liebe“, sagt er über seine Freude an der Selbstbestimmung und dass er fest darauf vertraut, dass alles genau so ist, wie es sein soll. „Dieser Gedanke gibt mir Kraft zum Leben. Das Alter ist dabei nicht das Thema für mich. Viele sagen: „Mit 65 hör ich auf zu arbeiten und dann kann ich endlich leben. Ich lebe lieber im Jetzt!“ Sein Ziel ist es, hundert Jahre alt zu werden. Nicht aus Angst vor dem Tod, sondern aus Neugier auf das, was noch kommt. „Der Tod ist nur schwer für die, die bleiben“, sagt Riedel, greift zu seiner Drehleier und beginnt eine fröhliche Melodie darauf zu spielen.
Instrument-Baukurse
In Baukursen können Interessierte unter der Anleitung des Klangphilosophen selbst eine Drehleier fertigen. Fünf Tage dauert es, bis aus Holz, Saiten und Mechanik ein spielbares Instrument entsteht, bei dem man sich dann auch bei wichtigen Dingen wie Mensur und Saitendruck selbst zu helfen weiß. Doch viele nehmen mehr mit als ein fertiges Instrument, denn die Reise zu sich selbst und das Kreisen um „das Ganze“ ist in den Gesprächen mit Riedel fix inkludiert. Das können wir nach diesem Interview nun selbst bestätigen. ◻
Text und Fotos: Christian König