Ich glaube, Glück bedeutet, am richtigen Platz zu sein
Was trägt einen Menschen, wenn alles Vertraute weit hinter ihm liegt? Was gibt Halt, wenn Sprache, Kultur und Alltag plötzlich neu gelernt werden müssen? Und was lässt einen bleiben, obwohl der Weg dorthin von Verzicht und Abschied geprägt ist? Bruder Alby scheint dafür keine großen Worte zu brauchen. In seiner ruhigen Art vereinen sich Mut, Glaube und ein starkes Vertrauen. Getragen wird er dabei von seinem Orden, den Kapuzinern, und von einer Familie, zu der er alle zwei Jahre für einige Wochen zurückkehrt.
Bruder Alby wächst im südindischen Bundesstaat Kerala auf, in einem Dorf namens Chalakudy. Er erzählt von Flüssen, dichter Vegetation, hoher Luftfeuchtigkeit und den nicht weit entfernten, weltbekannten Athirappilly-Wasserfällen. Gemeinsam mit seinen Eltern, einer Schwester und der Großmutter verbringt er dort seine Kindheit in geordneten Verhältnissen. Der Vater, mittlerweile in Pension, hat in leitender Funktion im regionalen Landwirtschaftsamt gearbeitet. Die Mutter führt den Haushalt. Als Alby 13 Jahre alt ist, baut die Familie ein eigenes Haus, in dessen Garten Mangobäume und Kokospalmen wachsen.
Religiöse Vielfalt
In Südindien ist der christliche Glaube tief verwurzelt. Die sogenannten St.-Thomas-Christen führen ihre Tradition auf den Apostel Thomas zurück, der laut Überlieferung bereits im Jahr 52 nach Christus nach Indien kam. Trotz der religiösen Vielfalt im Land gelingt in vielen Teilen ein respektvolles Zusammenleben. Leider hat dieses stille Arrangement zwischen Tempeln, Moscheen und Kirchen in Nordindien in den letzten Jahren Risse bekommen. Aus seinem Dorf erzählt Bruder Alby jedoch von einem Miteinander, das von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist. Religiöse Feste werden gemeinsam gefeiert. Zu Weihnachten werden in Indien Christbäume aus Pflanzen gebastelt, die Nadelbäumen ähneln, mit Wolle als Schnee geschmückt, und einer Krippe darunter, die jedes Jahr neu gebastelt wird, nur die Figuren bleiben die gleichen. Typisch ist das Backen von Zwetschkenkuchen anstelle von Keksen. Die Adventszeit ist eine Fastenzeit, die am 25. Dezember mit einem festlichen Essen, z. B. mit Hühner-, Rind- oder Schweinefleisch, und Reis, beendet wird. Statt der Heiligen Drei Könige ziehen Gruppen in sogenannten Christmas Carols von Haus zu Haus und singen Weihnachtslieder. Zu Ostern werden anstatt von Palmkätzchen junge Kokosblätter gebündelt.
Vertrauen fassen
Schon früh kommt Alby mit dem Kapuzinerorden in Kontakt. Als Ministrant erlebt er das einfache und gemeinschaftliche Leben der Brüder. Als seine Mutter schwer erkrankt, macht Alby eine prägende Erfahrung. Während sein Vater seiner Frau im Krankenhaus beisteht, findet er bei den Kapuzinern Unterstützung. „Die Brüder haben mich aufgenommen, mir Essen gegeben und für meine Mutter gebetet.“ Für ihn steht fest: „Das gemeinsame Gebet hat zur Genesung meiner Mutter beigetragen.“ Das war schließlich der Punkt, an dem der 14-jährige Alby Antony seine Berufung
findet und sich für den Ordensweg entscheidet. Es folgt eine 13-jährige Ausbildung bei den Kapuzinern, bei der er anfangs in die franziskanische Spiritualität eingeführt wird. Neben den Studien von Theologie und Philosophie, die er mit zwei Bachelors beendet, wird sein in einfachen Verhältnissen gehaltenes Studentenleben vor allem von praktischen Erfahrungen geprägt. Bei der sogenannten Regency, einem Praktikum, bei dem die Studenten ihren Lebensunterhalt ohne Klosterunterstützung selbst verdienen müssen, arbeitet Alby als
Fischer, Waldarbeiter, sammelt Erfahrungen in der Palliativpflege und lernt so die Lebenswirklichkeit vieler Menschen kennen. Nach seiner Priesterweihe wird er mitten während der Corona-Pandemie gebeten, in Mission zu gehen und in die 20-Millionen-Metropole Mumbai gesandt. Dort wird er eines Tages von seinem Provinzial in Kerala zu sich gerufen und ersucht, nach Österreich zu gehen, um die Kapuzinerprovinz in Tirol zu unterstützen. Anfangs zögert der junge Mönch. Seine Heimat zu verlassen, hatte er nie vor. Schließlich entscheidet er sich doch, auch diesem Ruf zu folgen. „Manchmal muss man mutig sein und vertrauen, dass Gott den Weg weiß.“

Gottes Plan
Das Kapuzinerkloster, ein Ort der Stille und des Gebets.Mit fünf auswendig gelernten deutschen Sätzen im Gepäck kommt Bruder Alby in Innsbruck an. Am BFI schließt er seine Deutschkurse mit dem Niveau B2 ab, Voraussetzung für akademische Studien oder gehobene berufliche Positionen. Neben vier sehr unterschiedlichen indischen Sprachen spricht er heute auch perfekt Englisch und Deutsch. Nach einem Jahr Sprachstudium in Innsbruck wird Bruder Alby vom Guardian (Leiter) des Kapuzinerklosters in Irdning, Bruder Rudolf Leichtfried, um Unterstützung gebeten. Beim Einleben im Ennstal unterstützt ihn der Mitbruder Antony Manuel, der zufällig aus dem selben indischen Bundesstaat wie Alby stammt. Inzwischen ist Bruder Antony Manuel selbst Guardian in Innsbruck geworden.
„Mein Leben ist das Ergebnis des Gebets meiner Eltern.“
Bruder Alby
Idyllische Lage auf einer kleinenAnhöhe in der Ortschaft Falkenburg.Das Kapuzinerkloster in Irdning wurde 1711 gegründet und ist ein Ort der Stille und des Gebetes, wo Menschen Ruhe und Orientierung für ihr Leben suchen. Gemeinsam mit Bruder Rudolf und der Mitarbeiterin Elisabeth Berger lebt Bruder Alby in der Klostergemeinschaft in Irdning. Im Mittelpunkt stehen kontemplative Exerzitien und „Tage der Stille“, die von Bruder Rudolf und Elisabeth Berger begleitet werden. Diese Angebote setzen bewusst auf Rückzug: ohne Ablenkung durch Smartphone oder andere Beschäftigungen. „Viele realisieren oft erst hier, wie laut ihr Alltag geworden ist“, weiß Bruder Alby von den Seminaren zu berichten. Die Nachfrage ist groß, die 19 verfügbaren Zimmer sind meist vollständig belegt. Als Kaplan unterstützt Bruder Alby neben seinem Dienst im Kloster insgesamt 9 Pfarren im Ennstal – mit allen Tätigkeiten eines Priesters. Die Offenheit, mit der er hier aufgenommen wurde, erfüllt ihn mit großer Freude und Dankbarkeit: „Ich erlebe hier viel Herzlichkeit und bin froh, dass ich da bin.“ Sein Weg hat ihn weit geführt – geografisch und persönlich. Die Verbindung zu seiner Heimat bleibt bestehen, alle zwei Jahre kehrt er für sechs Wochen nach Indien zurück. Wie es danach weitergeht, lässt er offen. „Es wird im Plan Gottes vorgesehen sein“, sagt er und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Ich glaube, Glück bedeutet, am richtigen Platz zu sein.“ ◻
Text: Christian König | Fotos: Kapuziner, König