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Pierra Menta – ein Abenteuer, das zusammenschweißt


Pierra Menta, das sind vier Tage Rennen, rund 100 Kilometer Strecke und etwa 10.000 Höhenmeter. Die Brüder Lukas und Peter Vasold von Sport Vasold Liezen stellten sich der extremen körperlichen Belastung im hochalpinen Gelände der französischen Alpen, bei der die enge Zusammenarbeit in den Zweierteams die Teilnehmer zusammenschweißt.

Als die Vasold-Brüder vom Ausrüster Karpos die Möglichkeit erhalten, bei
der Pierra Menta dabeizusein, überlegen die zwei Sportler nicht lange.
Wenn sich im französischen Arêches-Beaufort die internationale Skibergsteiger-Elite versammelt, geht es nicht nur um Zeiten, Platzierungen und Höhenmeter. Entscheidend ist hier vor allem das Vertrauen und Durchhaltevermögen der Zweierteams, die sich im Hochgebirge blind aufeinander verlassen können müssen. Bei der 40. Ausgabe der legendären Pierra Menta – oft als „Tour de France des Skibergsteigens“ bezeichnet – stellten sich auch die Brüder Peter und Lukas Vasold dieser Herausforderung. Als Team des Ausrüsters Karpos gingen die beiden Athleten aus Liezen an den Start – und erlebten vier Tage, die sie an ihre Grenzen brachten und darüber hinaus.

 

Improvisation und Vorfreude

VasoldAls sich die Möglichkeit ergibt, bei der Pierra Menta zu starten, zögern die Brüder keine Sekunde. Auch wenn die Vorbereitung alles andere als ideal verläuft, ist die Vorfreude groß. Der schneearme Winter in Österreich zwingt sie dazu, viele Trainingseinheiten auf präparierten Pisten zu absolvieren. Bedingungen, die mit dem hochalpinen Gelände der Pierra Menta kaum vergleichbar sind. Nach rund zwölf Stunden Anreise trafen sie am 10. März in Arêches-Beaufort – dem kleinen französischen Bergdorf, das sich einmal im Jahr in das Zentrum der Skibergsteiger-Welt verwandelt – ein. Nervosität ist spürbar, etwa 100 Kilometer Strecke und rund 10.000 Höhenmeter liegen vor ihnen.

Entscheidendes Material

Beim Skibergsteigen zählt jedes Gramm. Lukas und Peter setzen auf ultraleichtes Material: schmale Tourenski wie den Atomic Backland UL, minimalistische Bindungen und Karbonschuhe wie den Scarpa Alien 4.0 mit 610 Gramm pro Schuh – weniger als die Hälfte eines klassischen Tourenskischuhs. „Das ist leicht und bietet Bewegungsfreiheit“, sagt Lukas. Pflicht ist das Mitführen einer Lawinen-Notfallausrüstung und die Versorgung mit mindestens einem Liter Flüssigkeit, zusätzliche Kleidungsschichten, Rettungsdecke, Telefon und Energienahrung kommen ebenfalls in den Rucksack. „Mit dem Kopf bist du immer im Rennen“, erzählt Lukas. „Die richtige Verpflegung entscheidet, ob du die Kraft richtig einteilen kannst.“

Tag 1

VasoldNeben der sportlichen Herausforderung fasziniert die Veranstaltung auch mit der einzigartigen Atmosphäre entlang der Strecke, mit tausenden Fans und einer fast
festivalartigen Stimmung.
Der Startschuss an Tag 1 fällt früh am Morgen. Schlechte Sicht, steile Tragepassagen und technisch anspruchsvolle Abfahrten auf eisigem Untergrund fordern die Teilnehmer von Beginn an. Nach rund 2.600 Höhenmetern erreichen die Brüder erschöpft das Ziel. Besonders die Abfahrten haben es in sich: zerfahrenes Gelände, kleine Schneehügel, die jede Bewegung zur Kraftprobe machen. „Das Bergabfahren war fast anstrengender als der Aufstieg, ich habe nicht damit gerechnet, dass das so viel Kraft kostet“, erzählt Peter. Lukas, der konditionell Stärkere der beiden, unterstützt seinen Bruder immer wieder – notfalls sogar mit einer Pullline, um ihn auf manchen Passagen etwas zu entlasten.

Tag 2

Die zweite Etappe wird zur echten Belastungsprobe. 33 Kilometer und über 3.000 Höhenmeter verlangen alles ab. Besonders die strengen Cut-off-Zeiten setzt die Athleten unter Druck. Bei den Checkpoints dürfen die Teampartner immer nur maximal 5 Sekunden auseinander sein. Trotz der Strapazen eröffnet sich den Brüdern ein spektakulärer Blick auf den Mont Blanc. Einen kurzen Moment gönnen sie sich zum Innehalten und Ausblick genießen. Nach fünfeinhalb Stunden erreichen sie erschöpft, aber zufrieden das Ziel. Am Abend wird regeneriert und gegessen – viel Zeit zum Ausruhen bleibt nicht.

Tag 3

Die Königsetappe führt über den legendären Grand Mont – und bietet alles, was die Pierra Menta ausmacht. Traumhaftes Wetter, extreme Anstiege und technisch anspruchsvolle Passagen.
Kurz nach dem Start ein Schreckmoment: Peters Stock bricht. Doch ein Zuschauer reicht ihm kurzerhand seinen eigenen Stock – daran erkennt man den besonderen Geist dieses Rennens. Der finale Anstieg erfolgt schließlich über einen schmalen Grat, gesichert mit Fixseilen. Links und rechts geht es steil abwärts. Am Gipfel warten eine Kulisse, die ihresgleichen sucht, und hunderte Fans, die die Athleten anfeuern. Nach 4 Stunden und 45 Minuten erreichen sie das Ziel. Die schwierigste Etappe ist geschafft.

Tag 4

Der letzte Tag beginnt mit Regen und schwierigen Bedingungen. Aufgrund von 30 cm Neuschnee wird die Strecke verkürzt und ins Skigebiet verlegt. Die Stimmung bleibt trotzdem einzigartig. Tausende Zuschauer säumen die Strecke, feuern die Athleten an und tragen sie förmlich ins Ziel. Am Ende steht für die Vasold-Brüder nicht die Platzierung im Vordergrund, mit Rang 172 von 184 Teams gehen sie durchs Ziel. „Mittun und Durchkommen ist schon ein großer Erfolg für uns“, sagt Peter. Die Pierra Menta ist vor allem eines: ein unvergessliches Erlebnis, das ein Leben lang in Erinnerung bleibt. „Man kann sich stolz vor Augen führen, was man an so einem Tag alles geleistet hat,“ sind sie sich einig und „was alles möglich ist, wenn man sich gemeinsam einer solchen Herausforderung stellt.“

Text: Christian König | Fotos: Vasold