Zusammen bis ans Ende der Welt
In seinem Heimatort Altenmarkt bei St. Gallen präsentierte Redakteur Lukas Matzinger kürzlich seinen Reiseroman „Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht“. Elf Monate (4.4.24 – 8.3.25) reiste er mit seiner Freundin, der Fotografin Olivia Wimmer, in einem VW-Bus rund 34.000 Kilometer bis nach China und zurück. Was bleibt, sind die Geschichten von Grenzerfahrungen in Ländern, die wir wohl nie bereisen werden, und von Begegnungen, die, trotz aller Fremde, ein kraftvolles Stück Urvertrauen in die Menschheit zurückgeben.
Olivia Wimmer und Lukas Matzinger (Fotos: Patrick Rieser) Wir erreichen Lukas Matzinger am Telefon an seinem Arbeitsplatz in Wien. Die entspannte Stimme am anderen Ende der Leitung verrät uns, dass die Reise entlang der alten Routen der Seidenstraße ein langgehegter Traum seiner Freundin Olivia war. 2021 lernten sich die beiden bei einer Journalistenpreisverleihung in Wien kennen. „Mitten in der Corona-Zeit – eigentlich ein seltsamer Rahmen für einen Glücksfall, aber genau das war es“, erinnert sich der Redakteur einer österreichischen Wochenzeitung an die erste Begegnung mit der Reportagefotografin und Radiojournalistin. Die ersten 19 Jahre von Lukas Matzinger spielten sich rund um Altenmarkt bei St. Gallen ab, wo für ihn im Sommer das Freibad das Zentrum der Welt war – Chlorgeruch, Toast und nur vertraute Gesichter. Nach dem Stiftsgymnasium in Admont und der HAK Liezen ging es in die steirische Landeshauptstadt. Er absolvierte ein Journalismusstudium an der FH in Graz und folgte 2015 dem Ruf nach Wien. „Plötzlich sitzt du im Büro, bist Ressortleiter, beobachtest die Welt durch Bildschirme und schreibst über Dinge, die passieren, aber erlebst sie nicht mehr selbst. Du wirst gut darin, Zusammenhänge zu erklären, aber schlechter darin, sie zu fühlen“, beschreibt Lukas dieses Gefühl von damals, das war, als hätte sich eine Glasscheibe zwischen ihn und die Wirklichkeit geschoben. Olivias Reisepläne kamen für Lukas genau im richtigen Moment und je länger er darüber nachdachte, desto mehr begann ihn die Idee zu packen, durch all diese unbekannten Länder zu fahren. Länder, die für uns meist nur aus Schlagzeilen bestehen, aber nie aus den Gesichtern der Menschen, ihrer Kultur und ihrem Alltag. „Weil wir in Wahrheit absolut nichts darüber wissen. Nicht wirklich. Weil Pakistan in unserem Kopf ein Bombenanschlag ist, der Iran ein Atomprogramm und Tschetschenien ein düsterer Ort, den man besser meidet“, sagt Lukas über Ängste, die er lieber mit Erfahrungen ersetzen wollte, und über die Neugier, die die beiden schließlich durch Länder wie Pakistan, Iran, Tadschikistan, Kirgisistan, Usbekistan oder China führte.

Geistesaufbruch
Am Karakorum Highway, der spektakulären „Freundschaftsstraße“,
die Pakistan und China verbindet.Die Eltern der beiden reagierten unterschiedlich auf die Reisepläne ihrer Kinder. Olivias Eltern waren eher gelassen, denn sie wissen, dass ihre Tochter eine Nomadin ist. Selbst haben sie auf verschiedenen Kontinenten gelebt und lernten sich in Syrien kennen, als der Vater dort auf Montage war.
Lukas’ Eltern waren skeptischer: „Fallen euch denn keine entspannteren Länder ein?“, warfen sie ein und hofften wohl auch ein wenig darauf, dass eine solche Auszeit mit den Arbeitgebern nicht vereinbar wäre. Doch ein Jahr unbezahlter Urlaub und ein Vorschuss des Buchverlags machten es möglich. Der 40 Jahre alte VW-Bus, zu dem die zwei im Laufe der Reise eine emotionale Bindung wie zu einem Kind aufbauen sollten, erhielt noch ein schnelles Update mit einer Standheizung und nach rudimentärer Routenplanung ging es dem Sonnenaufgang entgegen. Euphorisch schildert uns Lukas über das Telefon den Moment des Aufbruchs: „Die Reise begann für mich nicht mit dem ersten Kilometer. Sie begann mit einem Gefühl. Mit diesem Moment, in dem du die Schuhbänder zubindest, die Tür hinter dir schließt und weißt: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Und irgendwo zwischen Abschied und der ersten Tankstelle passierte etwas, das ich schwer erklären kann – ein innerer Aufbruch, der fast schöner war als alles, was danach kam. Das Loslassen und das Wissen: alles, was jetzt kommt, ist nicht planbar. Genau darin liegt das große Abenteuer.“
Die Welt ein Dorf
Die Verbindung nach Hause hielt – bis auf ein paar Ausnahmen – überraschend gut und stabil. Meist mit einem kurzen Lebenszeichen über Whats-App. Sogar auf einem verschneiten Pass in Kirgisistan bei -20 Grad zeigten die Mobiltelefone 4G-Empfang an. „Unterwegs haben wir gemerkt, wie abhängig wir alle geworden sind. Selbst Ziegenhirten in Pakistan scrollen den halben Tag durch ihre Handys“, erzählt Lukas und betont, dass man in jedem Land sofort problemlos eine SIM-Karte erstehen konnte – und sei es an improvisierten Ständen am Straßenrand. Und doch gab es Momente, in denen die Leitung nach Hause gekappt wurde. In Russland, im Iran, in Pakistan – wenn politisch etwas ins Rutschen gerät, wird das Internet für alle abgeschaltet. Dann herrscht Stille. Für Olivia und Lukas waren es ein paar Tage ohne Empfang, für die Eltern daheim ein Kopfkino ohne Ende. „Natürlich sind wir nicht komplett naiv losgereist. Aber manche Dinge unterschätzt man einfach maßlos“, erzählt Lukas zum Beispiel über die feuchte Hitze von 50 Grad in Hormus im Iran, mittlerweile jedem bekannt aus den aktuellen Schlagzeilen. „Dein Körper sagt irgendwann einfach Nein. Wenn Klimaanlagen ausfallen, liegst du nur noch da und konzentrierst dich darauf, deine wichtigsten Organe am Laufen zu halten.“ Auch österreichische Hygienestandards vermisste der Altenmarkter bald, zehn Tage kroch er in einem Hotelzimmer in Pakistan zwischen Bett und Toilette hin und her, vermutlich Salmonellen. Die ärztliche Qualität beschreibt er als stark schwankend: „Es kann sein, dass du innerhalb von zehn Minuten einen Laborbefund aufs Handy gesendet bekommst, oder es kommt ein Arzt vorbei, der ein kurzes Gebet spricht und wieder geht. Mein Rettungsanker war ein Arzt in Österreich. Er sagte mir, welche Wirkstoffe ich brauchte, die wir dann selbst besorgt haben.“ Und doch waren nicht jene Momente die prägendsten.
Wenn sich der Zufall als Schicksal tarnt
Die vielen Begegnungen voller zwischenmenschlicher Wärme hinterließen bei den beiden Reisenden einen tiefen seelischen Eindruck: „Man macht sich in Österreich keinen Begriff, wie unvoreingenommen, wie zutiefst herzlich, wie neugierig, ohne jeden Vorbehalt uns die Leute dort begegnet sind – China vielleicht ausgenommen. Aber wir erlebten fast überall eine unfassbare Herzlichkeit uns gegenüber.“ Vor allem in streng muslimisch geprägten Gegenden, vor denen die beiden vorher strengstens gewarnt wurden – Belutschistan, Tschetschenien – war die Gastfreundschaft am größten. „Wir wurden eingeladen, beschenkt, versorgt. Menschen, die nichts haben, geben dir alles!“ Trotz vieler Warnungen fuhren sie auch in die Berge von Tschetschenien, dorthin, wo angeblich die „Gefährlichsten“ leben. Ein alter Mann lud sie ein und servierte ihnen Schaffett. Doch nicht nur der intensive Eigengeschmack dieser Speise war eine Grenzerfahrung dieses Abends: „Der Mann fuchtelte wild mit einem großen Messer herum, erklärte mit Bezug auf den Ukrainekrieg, dass geopolitisch gerade alles komplett richtig läuft, und ich dachte mir nur: Okay, können wir dann bitte wieder fahren. Doch dann wurde er plötzlich leise und erzählte mit Tränen in den Augen von einer Liebe zu einer Frau aus der DDR, die von ihm schwanger wurde und die er nie wieder sah. Mein Reporterinstinkt erwachte und ich recherchierte auf Social Media. Zwei Tage später telefonierten die beiden über meinen Laptop und sahen einander nach Jahrzehnten wieder. Zwei Menschen, die sich verloren haben, finden sich wieder, in einem Bergdorf, in dem wir eigentlich gar nicht hätten sein sollen.“
Zwei Perspektiven, ein Erlebnis
Am Kunjirap-Pass liegt der einzige offizielle Grenzübergang zwischen Xinjiang in China und Pakistan.Nicht alles ist romantisch. Im Iran sehen Olivia und Lukas Dinge, die schwer begreiflich sind. „Frauen sind in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens unsichtbar.“ Genauso wie Olivia, wenn sie einen Raum betrat. Männer, die sich abwandten und durch sie hindurchschauten, als wäre sie nicht existent. „Das massiv eingeschränkte Leben der Frauen ist erschreckend. Es wird einem klar, wie privilegiert wir sind. Wie selbstverständlich Freiheit bei uns ist.“ Und dann die Einreise nach China. Ein komplett anderes Universum: Überwachung, Kontrolle, Bürokratie, jeder Schritt dokumentiert. Kameras, Checks, Formulare, kaum Herzlichkeit. „Ein Gefühl, das man schwer beschreiben kann – das war Fremdheit in ihrer reinsten Form“, erinnert sich Lukas. Doch auch die elf Monate zusammen auf 2,5 Quadratmetern waren eine Grenzerfahrung für das Paar: „Man ist sich sehr nahe. Zu nahe manchmal. Wenn es heiß ist, kalt ist, alles zu viel wird. Aber man wächst daran. Wer das übersteht, übersteht vieles, uns kann so schnell nichts mehr aus der Bahn werfen“, erzählt Lukas lachend. Und auch im Buch widmet er dem gemeinsamen Busleben immer wieder unterhaltsame Passagen: „An den schlechtesten Tagen kann jede Frage ein Hinterhalt, jeder Charakterzug ein Defizit sein, alles ein Anlass, seinen Verdruss am Gegenüber zu erleichtern. Die andere Partei schaut seltsam. Atmet zu laut. Riecht zu seifig. Raucht zu feucht. Zahlt mit Scheinen, wenn es doch viele Münzen gibt. Liegt zu schief. Geht zu langsam. Muss zu oft. Kauft senffarbene Zahnpasta, die nicht schmeckt. Wenn man nicht aufpasst, wird man einander zu Raben, zu speckigen, würgenden Raben (…)“
Der Österreich-Moment
Am Ende der Reise, irgendwo im winterlichen Usbekistan, passierte noch etwas anderes: „Die Neugier ist irgendwann gestillt“, sagt Lukas. „Nach zehn Monaten ist dir die nächste Moschee irgendwann egal. Du willst einfach heim Richtung Westen und dabei ja keine großen Umwege mehr machen.“ Und dann, zurück in Österreich, überraschten die beiden unangekündigt die Eltern von Lukas in Altenmarkt bei St. Gallen. Die Freude war groß auf beiden Seiten. „Plötzlich merkst du: Das ist alles Luxus pur. Trinkwasser aus der Leitung, Strom zu jeder Zeit, Frauen, die im Schwimmbad gemeinsam einen Spritzer trinken! Dinge, über die man nie nachdenkt, werden zu Geschenken. Da wirkt vieles, worüber wir uns hier oft aufregen, plötzlich absurd.“ Olivia und Lukas gingen auf ihrer Reise in relativ kurzer Zeit sehr enge Verbindungen ein – Begegnungen, die auf beiden Seiten Spuren hinterließen. Auf jedes „Ihr seid jederzeit wieder willkommen“ folgte unweigerlich das Drehen des Zündschlüssels und die stille Endgültigkeit des Abschieds. Die Erinnerungen an die Menschen, denen sie begegneten, begleiten sie bis heute. Manchen haben sie ihr Buch geschickt, aus Dankbarkeit dafür, dass sie diese Reise so speziell gemacht haben. „Doch der nächste Urlaub, ich sags dir ganz ehrlich“, meint Lukas zum Schluss, „geht all-inclusive in die Türkei – einfach ein Bändchen ums Handgelenk und um nichts kümmern!“ ◻
Text: Christian König | Reisefotos: Olivia Wimmer
Lukas Matzingers Reiseroman "Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht."
Der Reiseroman zum Abenteuer ist unter dem Titel „Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht“ im März erschienen und im Buchhandel erhältlich.