Der Seidenschmied aus dem Ausseerland
Was haben Seide und Stahl gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Die eine schimmert weich im Licht, der andere glüht hart im Feuer. Und doch treffen sich beide Welten in den Werkstätten von Peter Wach, wo er mit ruhiger Hand Stoffe bedruckt und mit kräftigen Hammerschlägen Messer schmiedet. Eine Geschichte über Heimkommen, Herzblut und darüber, warum es manchmal ordentlich Funken braucht, damit etwas wirklich passt.
Foto: Michael SimonlehnerAufgewachsen ist Peter Wach zwischen Stoffbahnen, Druckwalzen und Farbtöpfen – im elterlichen Betrieb, einer Seidendruckerei in Bad Aussee. Heute dürfen wir ihn in seinem Wohnort Bad Mitterndorf besuchen, wo er sich eine Werkstatt eingerichtet hat, die alle Stückln spielt. Für Peter ein Ort der Begegnung, wie er betont, wo gerne Freunde vorbeikommen, zum „Brachten“, wie man im Ausseerland die Kunst der intensiven Unterhaltung nennt, zum Tüfteln, zum gemeinsam Pläne schmieden. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Bis Mitte zwanzig arbeitete er im elterlichen Betrieb mit. Schließlich wurde ein Gefühl in dem jungen Mann immer stärker: etwas Neues auszuprobieren, von Grund auf zu lernen. Also sattelte er um – und lernte Maschinenbautechniker. Einen Lehrplatz zu finden, gestaltete sich gar nicht so leicht. Mit 24 Jahren gilt man nicht mehr als klassischer Lehrling und die langen Haare sorgten bei manchen Betrieben für Stirnrunzeln. Ob der das ernst meint? Er meinte es ernst. Schließlich fand er in Deutschlandsberg eine Lehrstelle, absolvierte einen Teil seiner Ausbildung an der BULME in Graz und jobbte nebenbei bei Blue Tomato, was wunderbar zu seiner Leidenschaft fürs Snowboarden passte. Der aufgebaute Freundeskreis hielt ihn vorerst in Graz und Peter sammelte dort einige Jahre in seinem neu erlernten Beruf. Mit etwa 30 zog es ihn zurück in die Heimat. Ein Mitarbeiterengpass im Familienbetrieb wurde zum Wendepunkt. Aus dem „vorübergehend Aushelfen“ entwickelte sich die Entscheidung fürs Bleiben. Die Stoffdruck-Manufaktur wurde wieder sein Lebensmittelpunkt.
Der Funke, der blieb
Während eines Krankenhausaufenthalts stieß Peter im Internet auf eine Bauanleitung für einen Gasschmiedeofen. „Das hat mich gejuckt“, erzählt er lachend, also machte er sich daran, einen solchen selbst zu bauen. Das erste Messer folgte bald darauf und mit ihm die Gewissheit: Das wird bleiben.
Was als Hobby begann, ist längst mehr geworden – soweit es die Zeit neben der Stoffdruckerei zulässt. Sein Lehrberuf bringt zwar alles mit, was man für Metallverarbeitung benötigt, die Feinheiten des Messerschmiedens musste sich Peter aber noch selbst erarbeiten – und ist noch immer auf dem Weg. Mit Geduld. Mit Neugier. Mit vielen Versuchen und noch weitaus mehr Funken.
Alte Schätze, neu geschmiedet
Handgemachte Messer sind Kunstwerke. Von der Skizze bis zum Schnitttest kommt hier alles aus einer Hand.Besonders reizt ihn Damast – dieser faszinierende Lagenstahl mit seinen lebendigen Mustern. Peter fertigt ihn selbst, oft aus alten Materialien: Motorsägeketten, Stemmeisen, Sägeblättern, Stahlseilen. Wenn in Bad Mitterndorf der Stausee abgelassen wird, kommen mitunter 150 Jahre alte Stahlnägel zum Vorschein. Auch im Altstoffsammelzentrum warten so manche Schätze auf ein zweites Leben.
Bevor daraus eine Klinge wird, braucht es Geduld – und Hitze. Ölreste und Dreck werden herausgeschmiedet, das Material muss blank sein. Sonst bildet sich „Zunder“, eine graue Oxidschicht, die verhindert, dass sich die Stahllagen sauber verbinden. Ist der Stapel geschichtet, zum Beispiel die Kombination aus hellerem Nickelstahl neben dunklem Manganstahl, wird er erhitzt, gefaltet, wieder zusammengeschlagen. „Wie Blätterteig“, erklärt Peter augenzwinkernd. Bei rund 1.300 Grad werden die Lagen feuerverschweißt. Am Ende entstehen Muster, die so individuell sind wie ein Fingerabdruck.
Für die finale Form schmiedet er die Klinge aus, schleift die Feinheiten von Hand. Und auch die Lederscheide näht und bestickt Peter selbst. Vom Rohling bis zum fertigen Damastmesser vergehen gut und gerne 40 Arbeitsstunden.
Ein Hauch Japan im Ausseerland
Peter ist bekennender Fan der japanischen Schwertkunst. Die dort angewendete Technik der Härtelinie hat er in seine Arbeit integriert. Vor dem Erhitzen auf rund 800 Grad wird ein Teil der Klinge mit Lehm bestrichen. Beim Abschrecken im kalten Wasser härtet der unbeschichtete Bereich schneller aus als der mit Lehm versehene. So entsteht eine sichtbare Linie, die nicht nur optisch beeindruckt, sondern der Klinge auch unterschiedliche Härtezonen verleiht.

Für Jäger und Genießer
Vom Jagd- bis zum Küchenmesser: jedes geschmiedete Messer verfügt über besondere Schnitteigenschaften.Gedacht sind viele seiner Stücke ursprünglich für Jäger, als klassisches „Lederhosenmesser“ oder Knicker. Beliebt sind Griffe aus Geweih, wobei Peter darauf hinweist: Horn ist innen hohl und daher weniger stabil. Als schmuckes Accessoire zur Tracht kein Problem, wer sein Messer im Revier einsetzen will, fährt jedoch mit einem Holzgriff besser.
Auch als Küchenmesser machen seine Klingen eine hervorragende Figur. Preislich starten Monostahl-Messer bei etwa 300 Euro, Damastmesser bei rund 600 Euro – nach oben hin offen, je nach Aufwand und Material.
Hochwertige Klingen danken es mit Schärfe, sie brauchen aber heißes Wasser, ein wenig Öl und ab und zu Zuwendung. Wer auf die Patina verzichten möchte, kann sich zum Nachpolieren und Schärfen gerne an Peter wenden.
Wenn Stoff und Stahl sich treffen
Dass Stoffdruck und Messerschmiede wunderbar zusammenpassen, beweist Peter mit einem Augenzwinkern: Kauft sich eine Dame Stoff für ihr Dirndl, kann der dazugehörige Herr sich gleich einen Knicker für die Lederhose gönnen. Und wer weiß – vielleicht bald sogar mit Griffschalen aus Stoffresten. Die ersten Ideen dazu sind schon in Arbeit.
So verbindet sich in Bad Mitterndorf Tradition mit Tüftlergeist, Seide mit Stahl, Farbe mit Feuer.
Und wenn abends aus der Werkstatt die Hammerschläge im Takt klingen, dann weiß man: Hier schmiedet einer nicht nur Messer, sondern seine ganz eigene Geschichte. ◻
Text: Mona Dorrer | Fotos: Mona Dorrer, KK