Zum Hauptinhalt springen
| Menschen

Die heilsame Kraft der Kunst


Die Künstlerin Sabine Schaflinger aus Haus im Ennstal blickt auf spannende Jahre zurück. Ihr Alltag war nie langweilig, eher ein bunter Strauß aus Ideen, Abenteuern und fliegenden Holzspänen. Wer denkt, Kunst sei stilles Pinselrühren im Atelier, hat Sabine beim Speed-Carving noch nicht gesehen: Da wird aus einem Stück Holz in 30 Minuten ein Kunstwerk, und das Herz schlägt mindestens genauso schnell wie die Motorsäge.

Nach ihrer Lehre als Floristin verbrachte die junge Frau ein paar Monate in Griechenland und kam zu der Erkenntnis: Zuhause in Österreich fühlte es sich plötzlich zu eng an. „Ich hatte Freiheit gekostet und wollte mehr davon.“ Nach weiteren Reisen zog die damals 18jährige nach England und landete mitten in einer bunten Welt aus Künstlern, Musikern und Schauspielern.
Sabine schneiderte Kleidung, entwarf Schmuck, verkaufte auf Märkten, arbeitete als Floristin, als Übersetzerin, betreute Rennpferde und schrieb sogar einen Gedichtband, den sie selbst illustrierte. Kunst war immer präsent, auch wenn sie lange Zeit „nur“ ein Hobby blieb.

Was sie von Anfang an spürte: Gestalten hat etwas sehr Heilsames. Wenn Hände arbeiten – ob beim Flechten, Malen oder Schnitzen – entsteht etwas Rituelles, fast Meditatives. Es ist ein stiller Energieaustausch, der zeigt: Zwischen Mensch und Maschine liegt ein großer Unterschied. Handgemachtes lebt und trägt immer einen Teil der Seele seiner Schöpferin.
Sabine besuchte in London ein Kunstcollege, probierte vieles aus und sorgte mit einer spektakulären Abschlussarbeit für Aufsehen: eine Installation, die einen Ganzkörperguss aus Gips beinhaltete, der als Schablone für eine weitere Skulptur diente.
Diese wurde von teilweise eingegipsten Puppen getragen. Die Reaktionen reichten von entsetztem „Who did that?“ bis zu ehrlicher Begeisterung des Direktors, der erfreut war, einmal etwas anderes als bemalte Teller zu sehen.

Es folgten vier Jahre Kunststudium, Kurse in Psychologie und der Bakkalaureus Abschluss in Kunst/„Fine Art“. Auch privat ging es turbulent zu – eine „sehr vulkanistische“ Beziehung, aus der zwei wunderbare Töchter hervorgingen.

Die Motorsäge findet ihren Platz

In England sind Chainsaw-Carving (Motorsägen-Schnitzen) Wettbewerbe fixer Bestandteil großer Country Shows. Sabine sah dies als Sprungbrett, trainierte, legte sich die nötige Ausrüstung zu und meldete sich an – unter anderem in Sandringham, der Sommerresidenz der Königsfamilie. Vier Tage lang wurde aus einem Baumstamm ein Kunstwerk geschaffen, dazu mehrmals täglich Speed-Carving: ein fertiges Objekt in nur 30 Minuten. „Ich war völlig erschöpft und habe unter der Maske oft geweint – aber ich habe durchgehalten – und machte noch viele weitere solcher Wettbewerbe mit.“

Als Frau in einer männerdominierten Szene machte

Sabine überwiegend positive Erfahrungen. Der Zusammenhalt war groß, man unterstützte einander und lernte voneinander. Ein besonderer Moment blieb ihr in Erinnerung: Bei einer Show fragte jemand ihre Tochter, ob ihr Papa der Schnitzer sei. Die Antwort kam prompt und stolz: „No – my mummy does it!“

Bäume mit zweitem Leben

Durch Mundpropaganda und auch Veröffentlichungen auf sozialen Medien nahmen die Aufträge Fahrt an. Hauptsächlich ging es um alte, umsturzgefährdete Bäume, die, sobald sie zugeschnitten worden waren, keine Gefahr mehr darstellten. Nach Kundenwünschen wurden die gestutzten Stämme dann gestaltet, erst mit der Motorsäge geformt, später meist noch gebrannt, gefärbt oder geölt, um sie zu präservieren, wie Sabine charmant übersetzt.

Künstlerin Sabine Schaflinger spürte von Anfang an:  „Gestalten hat etwas sehr Heilsames.“

Es gibt immer einen Weg

„Das Schöne an der Kunst, was ich auch meinen Töchtern mitgebe, weil man es auf das ganze Leben anwenden kann: Es gibt keine Fehler! Oft höre ich ‚Was ist, wenn ich zu viel wegschneide?’ Meine Antwort: ‚Dann gebe ich wieder etwas hinzu. Oder ich ändere die Richtung.’ Man kann immer wieder etwas Neues ausprobieren, reflektieren. Was sagt es über mich? Wie habe ich das gemacht? Warum? Wie gehe ich damit um, wenn etwas schiefgeht? Es gibt immer eine Lösung.“

Heimkehr ins Ennstal

Die Sehnsucht nach der Stammfamilie, das Zurückfinden zu ihren Wurzeln, rumorte in ihrem Herzen. Nach 32 Jahren in England ist Sabine mit ihren Töchtern in ihre alte Heimat im Ennstal zurückgekehrt und kümmert sich nun um ihren Vater. Die Motorsägen und ihre Leidenschaft hat sie natürlich mitgebracht.
In der Region wird im Bereich Sport und Musik sehr viel gemacht, in der Kunst allerdings wenig. Diese Lücke möchte Sabine gerne füllen.

Sie verfügt mittlerweile über eine Werkstatt – und eine Vision für die nahe Zukunft: Sabine möchte hier einen Ort der kreativen Begegnung schaffen. Mit Raum zum Nähen, Drucken, für floristische Arbeiten, Bienenwachsprodukte und das Arbeiten mit Holz. Ein Ort für Kinder ebenso wie für Erwachsene, die sich ausprobieren möchten: ohne Druck, ohne Wettbewerb und ohne Beurteilung. „Wir sind alle kreativ“, ist Sabine überzeugt, „vielen wurde es nur aberzogen.“ Im Mittelpunkt steht dabei nicht das perfekte Endprodukt, sondern der Prozess selbst: der Weg, die Präsenz und das bewusste Tun.
Und natürlich freut sie sich über weitere Bäume, die entweder befallen oder sturzgefährdet und bereit für ein neues Dasein als Kunstwerk sind, ebenso wie besondere Skulpturen, in deren Kleid sie den neuen Besitzern ein nicht unwesentliches Stück Energie und Seele weitergeben darf. ◻

Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein., Instagram: forestmermaid1

Text: Mona Dorrer, Fotos: Sabine Schaflinger