„Ich hab den ganzen Friedhof schon drei Mal umgegraben“
Andere sammeln Briefmarken, Manfred Fuchs sammelt Geschichten aus der Tiefe. Was er dabei alles gefunden, erlebt und gerochen hat, erzählt er mit herrlich trockenem Humor. Denn wer den Tod so gut kennt wie er, den bringt so schnell nichts aus der Ruhe.
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chon als kleines Kind hat es mich zu den Toten hingezogen, ich musste sie einfach sehen“, erzählt der sympathische Totengräber aus Assach. „Wenn der alte Mesner ein Grab zugemacht hat, bin ich mit meinem kleinen Schauferl mitmarschiert und habe ihm geholfen.“ Mit 15 Jahren begann Manfred, neben seiner Lehre als Maurer mit dem Totengraben. Auch als er später zur Österreichischen Post wechselte, blieb noch genug Zeit und Energie für sein Hobby.
Im Jahr 1982 lernte der junge Mann seine spätere Frau kennen und eines der ersten Dates bestand aus dem gemeinsamen Schaufeln eines Grabes. „Sie war mir immer eine große Hilfe, bei aufgelassenen Gräbern hat sie jeden Stein und jedes Bein herausgeklaubt.“ Die Steine wurden entfernt, die Knochen in einer kleinen Kiste gesammelt und später ganz unten in einer Ausnehmung vergraben. So wurde aufgeräumt und Platz für den nächsten Sarg geschaffen.
Bei Begräbnissen der Kirche fungiert Manfred heute noch als Zeremonienmeister. Die Verabschiedungen jener, die keiner Konfession angehören, oder auch Urnenbeisetzungen macht Manfred „auf Pfusch“ und gestaltet die Trauerfeier in Form eines Wortgottesdienstes.
Muskelkraft und Brauchtum
Die Tiefe bei Einzelgräbern beträgt etwa 1,80 bis 2,20 Meter, sodass zwei Särge übereinander Platz finden, natürlich mit einer Zwischenschicht. Drei Mal wird eine „Schalung“ gebaut, damit das Grab nicht einfällt und ihn selbst verschüttet.
Bis heute ist es der Brauch, den Verstorbenen die Hände zu falten, Palmkätzchen und ein Totenkreuz hineinzustecken und einen Rosenkranz darumzubinden. Die Augen müssen geschlossen werden „sonst schaut er dir nach“. Das hält Manfred allerdings für Humbug, denn „dann würde der Bestatter ja schon lange nicht mehr leben!“ Einst band man den Mund mit einem Kopftuch zusammen, heute hilft man sich mit ein paar Kissen im Nacken, so kann man das Aufklappen des Kiefers verhindern.
Früher, als es noch keine Kühlung gab, musste man schauen, „dass man weiterkommt mit der Leiche“, da hat sie oft schon zu fließen begonnen. Manfred erinnert sich an einige Fälle, wo der Leichnam unangenehm zu riechen begann, nachdem er mehrere Tage aufgebahrt worden war. Auch kann er von einem korpulenten Herrn berichten, der an einem heißen Sommertag geheut hatte und schon viel Most gegen den Durst getrunken hatte. „Den hat es zerrissen. Herzinfarkt. In der Kirche rann die Flüssigkeit auf den Boden, obwohl wir ihn in zwei Säcke gepackt hatten. Ein fürchterlicher Gestank!“
Skurrile Grabbeigaben
Wenn Manfred Gräber auflöst oder Platz für eine weitere Person im Familiengrab schaffen muss, findet er oft spannende Dinge vor. Wer bereits begraben wurde, hatte oft ein kleines Fläschchen bei sich, von dem Manfred vermutete, dass es sich um Schnaps handelte. Tatsächlich war es jedoch Weihwasser („obwohl man Schnaps vielleicht auch für die Reise gebrauchen könnte“). Außerdem fand er oft Goldzähne, Silberknöpfe, Rosenkränze, Sterbekreuze und dergleichen. Üblicherweise verwest der Körper komplett, bei so manchem Weiblein fand er noch ein Kopftuch, das um den skelettierten Schädel gebunden war, auf dem die Haare der Verstorbenen lagen.
Der umsichtige Totengräber findet es schade, dass so viele Gräber aufgelassen werden („obwohl es beim Rasenmähen praktischer ist“). Er bewahrt alte Sterbeplatten auf oder schneidet eine Inschrift aus dem entsorgten Grabstein und befestigt sie an der Friedhofsmauer, ganz in der Nähe von Angehörigen. So gerät niemand in Vergessenheit.
Mittlerweile bekommt Manfred schon tatkräftige Unterstützung von seinem Enkel Manuel und weiß, es wird weitergehen: „Ich mache diese Arbeit mit Stolz und Demut und finde es einfach schön, alte Traditionen fortzuführen und dazu beizutragen, den Toten eine würdige letzte Ruhestätte zu gestalten.“
Text und Foto: Mona Dorrer













