Die Vielfalt macht das Leben bunt
Unter diesem Titel fand am 28. März in Unterlaussa ein Vortrag von Dr. Ernst Huber mit musikalischer Begleitung von Geigenvirtuose Toni Burger statt. Wir tauchten vorab in die umtriebige Lebensvielfalt des ehemaligen Landarztes, Musikers, Philosophen, „Kunstprofessors“ und ewig Wissbegierigen ein.
Gleich am Anfang unseres Gespräches in seinem Haus in St. Gallen macht Ernst Huber eine Nebenbemerkung über sich, die vieles erklärt: „Ich bin ein ADHS-Typ, der vieles sehr schnell macht“. Er lehnt sich zurück, und im selben Moment springt er schon wieder auf – gedanklich zumindest. Bei unserem Gespräch fliegen Ideen und Erinnerungen durch den Raum wie Funken aus einem Lagerfeuer und irgendwo dazwischen taucht ein Nebensatz auf, der eigentlich ein ganzes Buch verdient hätte. Manchmal verlieren wir den Faden – aber ehrlich gesagt: genau das ist der Reiz. Denn da flackert immer noch diese kindliche Begeisterung beim Erzählen, die keinen Anfang und kein Ende kennt. Draußen fängt es an zu dämmern, im Hintergrund läuft Joe Zawinuls „Erdäpfelblues“, bei dem übrigens auch die von Huber gegründete Band Broadlahn mitwirkte – fast wie ein Soundtrack zu seinem Kopfkino. Wir springen von Thema zu Thema, streifen Hesse, Thoreau und Dylan. Alles zu verstehen ist hier heute zweitrangig – vielmehr geht‘s ums Mitreisen. Viel Spaß:
Durt und do
Ernst Huber ist zweigeteilt aufgewachsen. Ein bisschen geschniegelt in St. Gallen und weit erdiger auf einem Bauernhof in Reith bei Kleinsölk, wo sein Vater her ist. „Von dort kommt mein Interesse an der zur Landwirtschaft zugehörigen Musik, die Ausdrucks meines Lebens ist“, und die er infolge meisterhaft auf verschiedenste Weise zu interpretieren lernte. „Hackbrett, Zither, Maultrommel, ich hab einfach alles ausprobiert.“ Kinder-Volkstanzgruppe. Erste Bühne, erste Ahnungen, dass dieser Takt zum Lebensrhythmus werden könnte. Volksmusik, sauber und klar, ohne Zuckerguss. Und dann ein Hauch von weiter Welt als Skilehrer am Lift bei Schloss Kassegg. „Afoch a wahnsinnige Gaudi, des gibt’s ja heut eigentlich ois net mehr in der Art.“ Diese Lebensschule war ganz nach Hubers Geschmack. Keine Noten, kein Stundenplan. Aber alles drin, was man kennen muss.
„Clash of Cultures“
1971: Huber kommt vierzehnjährig nach Graz und erlebt, wie er sagt, den „Clash of Cultures“. The Beatles waren wie ein Fenster, das aufgegangen ist und die ganze Welt hereinließ. „Was mich damals getroffen hat: Die Musik von daheim war in der Stadt einfach ausgelöscht. Und umgekehrt wurde in der Heimat alles Fremde belächelt. Diese gegenseitige Verachtung hat mich wütend gemacht.“ Es herrscht Aufbruch und Bob Dylan, Neil Young, Joni Mitchell & Co. liefern den Soundtrack dazu. „Graz war damals eine Jazzmetropole“, erzählt Huber euphorisch. „Jede Woche irgendein Weltklasse-Konzert und ich mittendrin. Ich sog alles auf wie ein Schwamm und lernte die Musiker Rainhard Grube und Rainhard Ziegerhofer kennen – spätere Wegbegleiter.“ Huber wird zum verbummelten Medizinstudenten, der mehr Töne im Kopf hat als Noten auf Zeugnissen. 1982 dann die Gründung von Broadlahn, ein erster Song, der unter die Haut geht, die „Wagner Leni“. Mitten im Studium der Einzug zum Zivildienst. Spätestens beim Roten Kreuz in Rottenmann, wo er seine Sabine kennen- und lieben lernt, wird aus Spaß dann der Ernst, der das Medizinstudium plötzlich, zack, durchzieht, weil ein Kind unterwegs ist. Tja, und dann hätte es eigentlich vorbei sein sollen. Arzt werden – die Musik ein geschlossenes Kapitel. Aber das erste Album verkauft sich 40.000 Mal. Ein Erfolg, der sich nicht ignorieren lässt. Es folgen Konzerte, viele davon – in einem Jahr sogar 75 an der Zahl. Österreich, Bayern, Norddeutschland, Schweiz, Frankreich, sogar in Kanada und Polen gibt es Auftritte. Ein „Nebenbeiprojekt“, das zum zweiten Leben wurde.
Suche nach Weisheit
Von 1994 bis Ende 2025 arbeitet Ernst Huber als Landarzt. Mit Broadlahn hat er insgesamt 6 Alben aufgenommen. Wir lauschen den Geschichten von der Begegnung mit dem Wiener Musiker Roland Neuwirth, der
Broadlahn bei einem Konzert entdeckt und sagt: „Heast, i kunt eich a Rutschen legn“, wodurch ein wichtiger Kontakt zum Radiosender Ö1 entsteht. Dann die Szene, die man sich nicht ausdenken kann: „Joe Zawinul, irgendwo im Wiener Hilton, in der Badewanne. Im Fernsehen läuft zufällig Broadlahn. Er hört hin, sieht aber nicht, wer da spielt, recherchiert, und Broadlahn steht plötzlich mit dem international bekannten Musiker auf derselben Bühne und im Studio. Doch eigentlich ging es Ernst Huber immer um jene Menschen, die man auf keiner Bühne sieht. Menschen, die am Rand stehen, Außenseiter, Unterprivilegierte, Namenlose. Geschichten, die ihn faszinieren. Einmal fragt Huber einen solchen Einzelgänger: „Wie ist das so, allein zu leben?“ Der antwortet mit der Zeile: „Hob’s Bett fia mi allan.“ Trocken und klar, genau solche Sätze sind es, die Huber sucht, die er mitnimmt. Die irgendwann zu Liedern werden. „Hob’s Bett fia mi allan“ – ein Titel, der mehr erzählt als von einer einschneidenden Begegnung. Ernst Huber hat sich oft danach gesehnt, „Weise“ zu treffen und dies ist ihm in vielen Begegnungen und Gesprächen gelungen. Was daraus geworden ist, ist am besten live zu erleben.
Am 23. Mai bringen Broadlahn gemeinsam mit der Trachtenmusikkapelle Weißenbach die Pfarrkirche St. Gallen zum Klingen. ◻